Forschungsprojekt »WECHSELZEIT«
Psychosoziale Perspektiven auf eine unterschätzte Lebensphase
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Die Wechseljahre betreffen einen großen Teil der weiblichen Bevölkerung und markieren eine zentrale biografische Übergangsphase. Dennoch wird diese Lebensphase in Deutschland bislang überwiegend medizinisch betrachtet. Der wissenschaftliche und öffentliche Diskurs konzentriert sich vor allem auf hormonelle Veränderungen, körperliche Symptome und therapeutische Ansätze. Das subjektive Erleben dieser Phase, insbesondere im Hinblick auf Identität, Selbstbild, Sexualität und gesellschaftliche Rolle, wird hingegen kaum systematisch untersucht (Deutsche Menopause Gesellschaft, 2024).
Gleichzeitig zeigen bestehende Studien, dass sich Gesundheit, Lebenszufriedenheit und soziale Teilhabe im Lebensverlauf verändern und dabei stark von sozialen Faktoren beeinflusst werden (Robert Koch-Institut, 2024). Auch arbeitsmarktbezogene Analysen weisen darauf hin, dass Erwerbsverläufe, Arbeitsbedingungen und subjektive Zufriedenheit eng miteinander verknüpft sind (DIW Berlin, 2025). Dennoch fehlt bislang eine integrierte Perspektive, die diese verschiedenen Lebensbereiche zusammenführt und die Lebensmitte als eigenständige, subjektiv bedeutsame Übergangsphase begreift.
Hier setzt das Forschungsprojekt »WECHSELZEIT« an (Laufzeit 6/2025 bis 6/20261). Ziel ist es, die Wechseljahre als psychosozial relevante Lebensphase zu erfassen und erstmals systematisch aus Sicht der betroffenen Frauen zu analysieren. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Frauen zwischen 40 und 65 Jahren diese Zeit erleben, bewerten und biografisch einordnen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Zusammenspiel von Selbstbild, Rollenveränderungen, beruflicher Identität, Partnerschaft, Sexualität und subjektivem Sinnempfinden. Damit schließt die Studie eine zentrale Forschungslücke, da bislang vor allem einzelne Lebensbereiche isoliert betrachtet werden, nicht jedoch deren Wechselwirkungen im Kontext dieser Übergangsphase.
Erleben, Deutung und soziale Einbettung der Wechseljahre
Das Forschungsprojekt versteht die Wechseljahre als ambivalenten Prozess zwischen Abschied und Aufbruch. Denn in dieser Zeit verändern sich etablierte Rollenbilder und Selbstverständnisse, ohne dass neue gesellschaftliche Orientierungen klar vorgegeben sind. Dies kann zu Verunsicherung und dem Gefühl sozialer Unsichtbarkeit führen, zugleich aber auch neue Freiheiten und Möglichkeiten zur Neuorientierung eröffnen (Heimbach-Steins, 2012). Aktuelle Studien verdeutlichen zudem, dass die Wechseljahre auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben, etwa in Bezug auf Arbeitsfähigkeit, Erwerbsentscheidungen und wahrgenommene Unterstützung im beruflichen Umfeld (Chan de Avila & Nitsche, 2025).
Methodisch basiert die Studie auf einer quantitativen Befragung von Frauen im Alter von 40 bis 65 Jahren in Deutschland. Die Stichprobe wird auf Grundlage zentraler soziodemografischer Merkmale strukturiert, um unterschiedliche Lebenslagen an gemessen abzubilden. Im Zentrum steht die Annahme, dass das Erleben dieser Lebensphase weniger durch biologische Veränderungen allein bestimmt wird, sondern durch die Wechselwirkung zwischen individuellen Deutungen und sozialen Kontextbedingungen.
Der Fragebogen folgt damit einer lebensweltlichen Logik und erfasst zentrale Lebensbereiche in ihrem Zusammenspiel. Berufliche Erfahrungen, soziale Zugehörigkeit sowie Partnerschaft, Sexualität und Selbstbild werden nicht nur deskriptiv, sondern auch in ihrer subjektiven Bedeutung für Lebensqualität und Identität untersucht. Gesundheitliche Veränderungen werden dabei ebenfalls nicht isoliert betrachtet, sondern in ihrer individuellen Deutung und Einordnung erfasst.
Auf dieser Grundlage zielt die Studie darauf ab, typische Deutungsmuster zu identifizieren, die das Erleben der Wechseljahre strukturieren. Zentrale Annahme ist, dass insbesondere die Einbindung in soziale und berufliche Kontexte, die Bewertung des eigenen Körpers sowie die Möglichkeit, neue Sinnquellen und Rollen zu entwickeln, entscheidend sind. Verfügen Frauen in diesen Bereichen über Ressourcen, werden die Wechseljahre eher als gestaltbare Übergangsphase erlebt, während fehlende Einbindung oder negative Selbstwahrnehmung mit Belastungserleben einhergeht. Die Ergebnisse machen bislang wenig sichtbare Lebensrealitäten greifbar und liefern eine empirische Grundlage, um Anerkennung zu stärken und Maßnahmen in Gesundheitsversorgung, Arbeitswelt und Beratung gezielt weiterzuentwickeln.
Fußnoten
1 Zur Projekt-Website: https://www.dhge.de/DHGE/Hochschule/Forschung-und-Transfer/Forschungsprojekte/Forschungsprojekt---WECHSELZEIT-.html.
Literatur
Chan de Avila, J., & Nitsche, S. (2025). Wechseljahre am Arbeitsplatz: Handlungskonzept für ein innovatives betriebliches Gesundheitsmanagement. Transcript.
Deutsche Menopause Gesellschaft. (2024). Menopause Übersicht. https://www.menopause-gesellschaft.de/menopause-%C3%BCbersicht
DIW Berlin (2025). Sozio-oekonomisches Panel (SOEP). https://www.diw.de/de/diw_01.c.412809.de/sozio-oekonomisches_panel__soep.html
Heimbach-Steins, M. (2012). Verantwortung ermöglichen, Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit fördern. In M. Heimbach-Steins (Hrsg.), Sozialethik für eine Gesellschaft des langen Lebens (S. 75–106). Aschendorff.
Robert Koch-Institut (2024). DEGS: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland. https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Studien-und-Surveillance/Studien/DEGS/degs_start_inhalt.html
Alle Links und Literaturangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.
Zitation
Rahnfeld, C. (2026). Forschungsprojekt »WECHSELZEIT«. Psychosoziale Perspektiven auf eine unterschätzte Lebensphase. FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung: Informationsdienst des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 1, 87–88.
Download Zitation (RIS)Veröffentlichungsdatum
Prof. Dr. Claudia Rahnfeld ist Professorin für Angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Gera-Eisenach. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Geschlechterverhältnisse, soziale Ungleichheit und biografische Entscheidungsprozesse.
Kontakt: claudia.rahnfeld(at)dhge.de
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Herausgebende Institution
Artikel der Gesamtausgabe
- Wie geht es den Frauen in Deutschland?
- Menarche und Sexuelle Bildung – Jugendsexualität 10. Welle
- »Welche Verhütung passt zu mir?« Eine digitale Entscheidungshilfe und ihre Evaluation
- Peripartale psychische Erkrankungen
- Endometriose als gesundheitliches und gesellschaftliches Problem
- Der Kaiserschnitt. Eine Bewertung aus Perspektive der Geburtshilfe
- Der Beckenboden nach der Geburt: Probleme nicht verschweigen, sondern behandeln!
- Verhütungsbedarf und Verhütungspraxis bei Frauen im Alter von 40 bis 44 Jahren
- Die Menopause als biopsychosozialer Übergang – Herausforderungen für die ärztliche Versorgung
- Alles Menopause oder was?! Kulturhistorische und psychosomatische Aspekte
- Frauengesundheit und FemTech: Zwischen Innovationspotenzial und systemischen Hürden
- Projekt zu Menstruation und Früherkennung von Endometriose
- Projekt »Wahl des Geburtsortes«.
- Leipzig Reproductive Health Research Center (LE-REP)
- Forschungsprojekt »WECHSELZEIT«
- Pilotprojekt zur Frage rassistischer Diskriminierung in der Geburtshilfe
- Eine Studie des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen
- Infothek