»Welche Verhütung passt zu mir?« Eine digitale Entscheidungshilfe und ihre Evaluation
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Repräsentative Studienergebnisse des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigen eine Veränderung des Verhütungsverhaltens von sexuell aktiven Menschen in Deutschland: Insbesondere lässt sich ein Rückgang der Nutzung der Pille bei gleichzeitiger Zunahme hormonkritischer Einstellungen beobachten (Mannebach et al., 2026; Scharmanski & Hessling, 2024; Scharmanski & Hessling, 2025a). Im Gegensatz dazu gewinnt das Kondom an Bedeutung. Andere Verhütungsmittel werden im Vergleich dazu seltener genutzt, wobei die Sterilisation und die Spirale gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich häufiger angewendet werden als noch vor einigen Jahren (Scharmanski & Dinger, 2026; Scharmanski & Hessling, 2021). Die zunehmende Popularität der Spirale in der jungen Altersgruppe könnte mit der neuen Empfehlung der World Health Organization (WHO) (2026) zusammenhängen, die sich für die Nutzung der Spirale explizit auch bei Jugendlichen und nulliparen1 Personen ausspricht.
Als Gründe für die Auswahl der Verhütung geben die Befragten vor allem Sicherheit und in den letzten Jahren zunehmend Verträglichkeit an. Frauen bewerten den Kostenaspekt als relevanter als Männer, vor allem in jungem Alter und bei geringen Einkommen (Scharmanski & Hessling, 2024). Entscheidend dafür könnte sein, dass die meisten in Deutschland zugelassenen Verhütungsmethoden für Frauen und Menschen mit Uterus konzipiert sind. Dabei geben Studien Hinweise, dass die Kosten mehrheitlich von der Person getragen werden, die das Verhütungsmittel nutzt (Janssens et al., 2024; Pflügler, 2021; Scharmanski & Hessling, 2024). Zudem geben mehr Frauen als Männer an, dass sie die alleinige Verantwortung für die Verhütung tragen (Scharmanski & Hessling, 2022). Neben öffentlichen Institutionen und persönlichen Gesprächen stellt das Internet eine relevante Informationsquelle für sexuelle und reproduktive Gesundheitsthemen dar (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit [BIÖG], 2026; Scharmanski & Hessling, 2025b). Zentrale Motive für die Nutzung des Internets sind unter anderem die leichte und niedrigschwellige Zugänglichkeit sowie die Anonymität bei möglicherweise schambehafteten Themen (Döring & Conde, 2021). Zudem könnten multimedial aufbereitete Formate wie z. B. Videos oder interaktive Elemente die Verständlichkeit steigern. Allerdings bietet das Internet eine große Bandbreite an Informationsangeboten zu sexueller und reproduktiver Gesundheit, wodurch qualitativ hochwertige und evidenzbasierte Inhalte schwer identifizierbar sind (Döring & Conde, 2021).
Entscheidungshilfen zur Auswahl der Verhütung
Sogenannte Entscheidungshilfen (engl. decision aids) können bei der Wahl der individuell passenden Verhütungsmethode unterstützen. Entscheidungshilfen sind evidenzbasierte Werkzeuge, die Personen spezifische und informierte Entscheidungen zwischen verschiedenen Optionen der Gesundheitsversorgung ermöglichen. Beim Thema Verhütung könnten sie ein hilfreiches Mittel darstellen, weil es keine »beste Wahl« gibt, sondern die verschiedenen Methoden in Abhängigkeit von den individuellen Lebensumständen und Präferenzen abgewogen werden müssen (Stacey et al., 2017). Somit können Entscheidungshilfen als Unterstützung in der Beratungspraxis genutzt werden, um die Klärung von persönlichen Präferenzen zu erleichtern.
Entsprechend sind Entscheidungshilfen zur Unterstützung der Auswahl einer geeigneten Verhütung auch im internationalen Raum verbreitet. Beispiele dafür sind »Contraception Choices« (Faculty of Sexual & Reproductive Healthcare, o. D.) aus Großbritannien oder »Birth Control« (Planned Parenthood, o. D.) aus den USA. Studien weisen auf teils widersprüchliche Befunde für die Wirksamkeit von Entscheidungshilfen zur Verhütungsauswahl hin (Goueth et al., 2022; Stephenson et al., 2020). Somit bleibt unklar, welchen Mehrwert Entscheidungshilfen zur Auswahl der Verhütung haben, sowohl für den Beratungskontext als auch für die individuelle Nutzung.
Entscheidungshilfe des BIÖG: »Welche Verhütung passt zu mir?«
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) verfolgt das Ziel, Menschen dabei zu unterstützen, gesund zu bleiben und Gesundheitsrisiken zu vermeiden (BIÖG, o. D., a). Dafür ist das BIÖG unter anderem durch das Schwangerschaftskonfliktgesetz (§ 1, Absatz 2) beauftragt, bundeseinheitliche Aufklärungsmaterialien zu Verhütungsmitteln und Verhütungsmethoden bereitzustellen. Um die Informationen wirksam zu gestalten und Menschen bei einer selbstbestimmten Entscheidung zu unterstützen, kann der Public Health Action Cycle (Hartung & Rosenbrock, 2022) herangezogen werden (siehe Abbildung 1).
In Anlehnung an die aktuellen Daten zum Verhütungsverhalten (Mannebach et al., 2026; Scharmanski & Hessling, 2024; Scharmanski & Hessling, 2025a) hat das BIÖG die auf evidenzbasierten Informationen beruhende Entscheidungshilfe "Welche Verhütung passt zu mir?«2 (BIÖG, o. D., b) entwickelt (siehe Abbildung 2).
Die Entscheidungshilfe soll Nutzende dabei unterstützen, aus den aktuell in Deutschland zugelassenen Verhütungsmethoden die individuell passende auszuwählen. Der niedrigschwellige digitale Zugang soll das Interesse an faktenbasierten Informationen zum Thema Verhütung wecken. Durch die ausgewogene Darstellung wird zudem die Vielfalt der Verhütungsmethoden aufgezeigt. Zur Bestimmung der individuellen Präferenzen können bis zu sieben Filter an- und abgewählt werden:
- Verhütung mit oder ohne Hormone?
- Wie sicher soll die Methode verhüten?
- Darf die Methode Nebenwirkungen haben?
- Willst du eine Methode, die du nur in dem Moment benutzt, in dem du Sex hast?
- Soll der Eisprung mit Menstruation erhalten bleiben?
- Soll die Methode auch vor sexuell übertragbaren Infektionen (STI) schützen?
- Soll die Methode auch für die Stillzeit geeignet sein?
Währenddessen wird angezeigt, wie viele Verhütungsmethoden bei den aktuellen Filtereinstellungen zur Auswahl stehen. Über einen Ergebnis- Button oder den Live-Ticker kann die Ergebnisliste aufgerufen werden. Hier gibt es zur ersten Orientierung Kurzinfos zu den Verhütungsmethoden, die den Filterkriterien entsprechen. Über einen weiteren Button wird zur Detailseite der jeweiligen Verhütungsmethode auf dem Portal familienplanung.de geleitet. Führt die Filterauswahl zu keinem Ergebnis, folgt ein ausführlicher Hinweis darauf, dass es nicht möglich ist, alle Präferenzen zu berücksichtigen, und die Prioritäten neu überdacht werden müssen.
Evaluation der Entscheidungshilfe
Im Sinne des Public Health Action Cycles (Hartung & Rosenbrock, 2022) adressiert die Evaluation die Frage, welchen Effekt die Entscheidungshilfe »Welche Verhütung passt zu mir?« im Vergleich zu rein textbasierten Informationen zum Thema Verhütung und keiner Intervention hat. Dazu wurde eine experimentelle Studie mit N = 452 sexuell aktiven Erwachsenen im reproduktiven Alter (18 bis 49 Jahre) durchgeführt (siehe Abbildung 3).
Konkret wurde verglichen, ob sich die unterschiedlichen Informationsformate (Entscheidungshilfe, textbasierte Informationen, keine Informationen) auf die folgenden psychologischen Gesundheitsvariablen auswirken, die für die Auswahl der Verhütung relevant sind: Verhütungswissen, Intention, die Verhütungsmethoden zu wechseln, Einstellungen zur Verhütung, Entscheidungskonflikt in Bezug auf Verhütung, Selbstwirksamkeit im Umgang mit Verhütung.
Sowohl die Entscheidungshilfe als auch die textbasierten Informationen tragen stärker zur Erhöhung des Wissens und der Veränderung der Intention bei, die Verhütungsmethoden zu wechseln. Zwischen der Entscheidungshilfe und den Textinformationen gibt es keine signifikanten Unterschiede. Jedoch zeigt sich ein leichter Trend, dass die Entscheidungshilfe die Selbstwirksamkeit eher steigern könnte. Zudem wurde die Entscheidungshilfe bei gleicher Effektivität im Schnitt kürzere Zeit genutzt als die Informationen in Textform.
Diskussion
Das BIÖG verfolgt das Ziel, Menschen dazu zu befähigen, selbstbestimmte und informierte Entscheidungen über ihre Gesundheit zu treffen. Die zu diesem Zwecke entwickelte und evaluierte Entscheidungshilfe »Welche Verhütung passt zu mir?« soll in den folgenden Abschnitten hinsichtlich Chancen, Grenzen und Implikationen diskutiert werden.
Praktische Implikationen
Die Resultate geben Hinweise darauf, dass die Entscheidungshilfe auch in gynäkologischen Praxen und Beratungsstellen eine effektive und zeitökonomische Unterstützung in der Verhütungsberatung sein kann. Durch den niedrigschwelligen Ansatz kann das Werkzeug dazu beitragen, einen Dialog auf Augenhöhe zu fördern und eine informierte und präferenzsensitive Entscheidung zu unterstützen. Gleichzeitig greift die Entscheidungshilfe durch den digitalen Zugang und die Integration von spielerischen und interaktiven Elementen aktuelle Mediennutzungsgewohnheiten von insbesondere jungen Menschen auf (we are social & Meltwater, 2025). Zudem berücksichtigt die Entscheidungshilfe zentrale Informationsquellen für sexuelle und reproduktive Gesundheitsthemen (BIÖG, 2026; Scharmanski & Hessling, 2025b), da sie sowohl im digitalen Raum als auch in persönlichen Gesprächen eingesetzt werden kann.
Konkret kann die Entscheidungshilfe zum einen als Vorbereitung auf die Beratung, z. B. in der gynäkologischen Praxis, genutzt werden, um eine an die Bedarfe angepasste und zeiteffiziente Kommunikation zu erleichtern. Zum anderen kann das Werkzeug auch von der Fachkraft und beratungssuchenden Person im Gespräch verwendet werden, um Klarheit über die persönlichen Prioritäten zu erreichen. Da nur die Verhütungsmethoden thematisiert werden, die für die interessierte Person relevant sind, kann die Verständlichkeit des komplexen Themas Verhütung erhöht werden. Darüber hinaus kann die Entscheidungshilfe auch im Rahmen der Sexualaufklärung in Schulen Anwendung finden, wobei möglicherweise geringfügige Anpassungen vorgenommen werden müssten, z. B. hinsichtlich der Filter »Sicherheit« und »Eignung in der Stillzeit«. Folglich sollte eine weitere Bekanntmachung durch das BIÖG angestrebt werden: Beratungsfachkräfte können durch entsprechende thematische Veranstaltungen und geeignete Medienformate adressiert werden, während sich für die Ansprache der End-Zielgruppe vor allem soziale Medien anbieten.
Neben Printmedien legt das BIÖG vermehrt einen Fokus darauf, Informationen auch in digitaler Form bereitzustellen. Die Evaluation legt dabei nahe, dass interaktive Formate eine zeitsparende und effektive Alternative zu rein textbasierten Formaten sind. Folglich sollten die Chancen von Entscheidungshilfen auch für andere Themen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit − insbesondere im Beratungskontext − erörtert werden.
Limitationen
Neben dem Nutzen sollten auch mögliche Einschränkungen sowohl der Entscheidungshilfe als auch der Evaluation betrachtet werden. Zunächst wird der Aspekt der Kosten in der Entscheidungshilfe aus Komplexitätsgründen nicht abgebildet: Ein Grund sind unterschiedliche regionale Förderungen bei Verhütungsmitteln (z. B. in Berlin). Darüber hinaus bestehen komplexe Vorschriften für die Kostenübernahme von Verhütungsmethoden bei jungen Frauen und unterschiedliche Regelungen bei gesetzlichen und privaten Krankenkassen. Zudem ist die Entscheidungshilfe aktuell nur in deutscher Sprache verfügbar, was die praktische Anwendbarkeit einschränkt. Nach Übersetzung in mehrere Sprachen könnte die Entscheidungshilfe ins Portal zanzu.de (BIÖG, o. D., c) integriert werden, das Informationen zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit für Menschen mit Migrationshintergrund in aktuell 14 Sprachen bereitstellt.
Eine zentrale Limitation der Evaluation sind Einschränkungen hinsichtlich der Repräsentativität der Stichprobe. Weiterhin wurde lediglich die Wechselintention erfasst und nicht das tatsächliche Verhalten der Auswahl der Verhütung mit zeitlichem Abstand zur Intervention.
Zukünftige Forschung
Basierend auf den aufgezeigten Grenzen lassen sich Implikationen für die zukünftige Forschung ableiten. Zunächst wäre es hilfreich, die Entscheidungshilfe in heterogenen Zielgruppen zu untersuchen. Dabei sollten insbesondere Gruppen einbezogen werden, die Barrieren beim Zugang zu Informationen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit aufweisen wie Personen mit Migrationshintergrund und niedriger formaler Bildung. Mithilfe unterschiedlicher Forschungsdesigns könnte evaluiert werden, welche Charakteristika die Wirksamkeit von Entscheidungshilfen und die Selbstwirksamkeit im Umgang mit der Verhütung steigern.
Fazit
Verhütung ist ein zentrales Thema der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und gleichzeitig ein wichtiger Aspekt der Frauengesundheit, da die Mehrzahl der aktuell zugelassenen Verhütungsmethoden für Frauen und Menschen mit Uterus entwickelt wurden. Die Evaluation weist auf die Wichtigkeit von evidenzbasierten Informationen hin, um eine selbstbestimmte und präferenzsensitive Entscheidung zu treffen. Entscheidungshilfen stellen ein zeiteffizientes Format dar und greifen durch die digitale Einbettung aktuelle Mediennutzungsgewohnheiten und Informationsbedürfnisse in Bezug auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit auf. Als niedrigschwellige Informationsalternative kann die Entscheidungshilfe zudem einen Dialog auf Augenhöhe sowohl mit der Beratungsfachkraft als auch mit (Sexual-)Partnerinnen und -Partnern stärken und auf diese Weise eine selbstbestimmte Verhütungsentscheidung unterstützen.
Fußnoten
1 Personen, die noch kein Kind geboren haben.
2 https://www.familienplanung.de/verhuetung/verhuetungsmethoden
Literatur
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Zitation
Doré, A., & Scharmanski, S. (2026). »Welche Verhütung passt zu mir?« Eine digitale Entscheidungshilfe und ihre Evaluation. FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung: Informationsdienst des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 1, 19–25.
Download Zitation (RIS)Veröffentlichungsdatum
Dr. Anastasia Doré ist Referentin im Referat S2 – Familienplanung, Verhütung und wissenschaftliche Referentin im Referat S3 Aufgabenkoordinierung, Nationale und internationale Zusammenarbeit, Forschung und Fortbildung der Abteilung S – Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung im Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), ehemals Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
Kontakt: Anastasia.dor(at)bioeg.de
Dr. Sara Scharmanski ist Referatsleiterin im Referat S3 Aufgabenkoordinierung, Nationale und internationale Zusammenarbeit, Forschung und Fortbildung der Abteilung S – Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung im Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), ehemals Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
Kontakt: Sara.scharmanski(at)bioeg.de
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