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FORUM 1–2026

Frauengesundheit und FemTech: Zwischen Innovationspotenzial und systemischen Hürden

Das Thema Frauengesundheit erhält endlich die längst überfällige weltweite Aufmerksamkeit. Innovationen und Technologien sind, wie in anderen Bereichen, zunehmend zentrale Triebkräfte dieses Wandels. Dennoch bestehen nach wie vor erhebliche Lücken bei der wissenschaftlichen Evidenz, der Finanzierung, dem Zugang und der Integration in die bestehenden Gesundheitssysteme. Um zu verstehen, wie es aktuell um Innovationen im Bereich der Frauengesundheit steht und was als Nächstes passieren muss, sprach die Redaktion FORUM mit Dr. Olena Ivanova, einer weltweit führenden Expertin an der Schnittstelle von Forschung und Innovation im Bereich der Frauengesundheit.

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Frau Dr. Ivanova, könnten Sie uns etwas über Ihren beruflichen Werdegang erzählen? Was hat Sie dazu bewegt, an der Schnittstelle zwischen sexueller und reproduktiver Gesundheit von Frauen, Innovation und Technologie zu arbeiten?

Ich betrachte die Frauengesundheit aus verschiedenen Blickwinkeln und beschreibe meine Arbeit oft als Brücke zwischen Forschung, Gesundheitsversorgung und Innovation. Ich habe eine Ausbildung zur Fachärztin für Geburtshilfe und Gynäkologie absolviert und bin später in die Forschung gewechselt, wo ich mich auf internationale sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie Chancengerechtigkeit konzentriert habe, insbesondere auf unterversorgte Bevölkerungsgruppen wie Jugendliche, Geflüchtete und Migrantinnen. Meine Arbeit umfasst Bereiche wie Sexualaufklärung, Implementierungs- und Evaluationsforschung, Infektions- und chronische Krankheiten sowie digitale Gesundheit.

Neben meiner akademischen Arbeit begann ich, FemTech-Start-ups (kurz für »Female Technologies«) zu beraten, und engagierte mich beim Aufbau von FemTech-Initiativen. FemTech ist ein schnell wachsender Sektor. Es konzentriert sich darauf, mithilfe von Technologie gezielt auf jene Gesundheitsbedürfnisse einzugehen, die Frauen auf einzigartige, andere oder überproportionale Weise betreffen. Dazu gehören unter anderem Geräte zur Hormonüberwachung, Wearables1, KI-gesteuerte Anwendungen, neuartige Diagnostika und etablierte Tools wie Apps zum Menstruationstracking.

Heute bringe ich diese Perspektiven bewusst zusammen, indem ich Innovation in meine Forschung integriere, Start-ups bei der Produktentwicklung, der Erarbeitung von Evidenz und der Bewertung ihrer Lösungen unterstütze und dabei helfe, Plattformen zu schaffen, die verschiedene Akteure miteinander verbinden, um Innovationen im Bereich der Frauengesundheit gemeinsam voranzutreiben.

Sie haben mehrere FemTech-Initiativen mitbegründet, darunter FemTech Germany, Women’s Health & FemTech Ukraine und das SxRx Collective in Australien. Was hat Sie motiviert, diese Gemeinschaften aufzubauen, und welche Rolle spielen sie bei der Förderung der Frauengesundheit?

Meine Motivation entstand daraus, dass ich in verschiedenen Ländern immer wieder auf dieselbe strukturelle Herausforderung stieß: Innovationen im Bereich der Frauengesundheit schritten zwar voran, aber oft sehr fragmentiert und isoliert. Es gibt fundierte Forschung, neue Technologien und engagierte Einzelpersonen, aber nur wenige Räume, in denen diese Bemühungen nachhaltig und sinnvoll zusammengeführt werden konnten. Angesichts der Komplexität der Frauengesundheit hängt echter Fortschritt jedoch von Zusammenarbeit ab, nicht von isolierten Einzelinitiativen.

Organisationen und Netzwerke wie FemTech Germany2, Women’s Health & FemTech Ukraine3 und das SxRx Collective4 in Australien zielen darauf ab, eine Infrastruktur zur Vernetzung zu schaffen. Sie bieten Plattformen für Dialog, gemeinsames Lernen und den Aufbau von Partnerschaften. Über die Zusammenarbeit hinaus tragen diese Gemeinschaften auch zur Interessenvertretung bei, indem sie die Sichtbarkeit von Prioritäten im Bereich der Frauengesundheit erhöhen und zu politischen und budgetären Veränderungen beitragen.

Wer sind die wichtigsten Akteure in diesen FemTech-Communities, was sind ihre Hauptziele, Schwerpunkte und Aktivitäten?

FemTech-Communities sind bewusst sektorübergreifend angelegt. Sie bringen Menschen aus Forschung und Bildung, dem Gesundheitswesen, Start-ups und Innovation, Personen mit eigener Erfahrung sowie Investierende, politisch Verantwortliche und Organisationen des Innovationsökosystems wie Akzeleratoren5 und Innovationszentren zusammen. Diese Vielfalt spiegelt eine gemeinsame Mission wider: dazu beizutragen, den Gender Health Gap6 zu schließen, indem mehr Innovationen im Bereich der Frauengesundheit unterstützt werden. Die Aktivitäten variieren je nach Kontext, umfassen jedoch häufig das FemTech-Ökosystem-Mapping (etwa der deutschen FemTech-Landschaft7), das Ausrichten von Online- und Präsenzveranstaltungen (wie Podiumsdiskussionen und Konferenzen), die Förderung der Zusammenarbeit durch Hackathons8 sowie den Beitrag zu gesundheitspolitischem Engagement und Advocacy durch White Papers, technische Berichte und gemeinsame Förderanträge.

Mir ist es wichtig, an dieser Stelle auch die Arbeit von FemTech Across Borders (FAB)9 hervorzuheben, wo ich ebenfalls Mitglied bin. Das ist ein globales Konsortium von FemTech-Initiativen in mehr als 70 Ländern, das Innovation, Aufklärung und Gemeinschaft weltweit fördert.

Wie würden Sie aus Ihrer internationalen Perspektive den aktuellen Stand des globalen Marktes für Frauengesundheit und des FemTech-Ökosystems beschreiben? Wo gibt es bereits starke Unterstützungsstrukturen, wo liegen die größten Lücken und was muss sich dringend ändern?

Der Markt für Frauengesundheit10 wird zunehmend als einer der bedeutendsten Bereiche des Gesundheitswesens anerkannt, dessen Marktvolumen bis 2030 auf über 600 Milliarden US-Dollar ansteigen könnte. Aktuelle globale Analysen und Berichte zeigen, dass die Frauengesundheit sich von einer »Nische« zu einem wichtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Motor entwickelt. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine bessere Gesundheit von Frauen enorme positive Auswirkungen auf die Erwerbsbeteiligung, die Produktivität und die allgemeine Bevölkerungsgesundheit hat. Das FemTech-Ökosystem ist erheblich gereift und hat sich über die Bereiche Fruchtbarkeit und Zyklus-Apps hinaus auf Themen wie Menopause, psychische Gesundheit, chronische und Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauf-Gesundheit, Krebserkrankungen und Endometriose über den gesamten Lebensverlauf hinweg ausgeweitet.

Die größten Lücken sind jedoch struktureller Natur und halten sich hartnäckig. Ein aktueller Bericht des Weltwirtschaftsforums11 identifizierte drei Lücken, die den Fortschritt bei Innovationen im Bereich der Frauengesundheit behindern: Lücken bei der Kapitalallokation, der Evidenz und der Umsetzung. Die Finanzierung bleibt eine große Herausforderung, und viele FemTech-Unternehmen sind gezwungen, schnell zu skalieren,12 ohne über ausreichende Ressourcen für die Erarbeitung solider Evidenz, Umsetzungsforschung oder langfristige Nachhaltigkeit zu verfügen. Zudem konzentriert sich der Großteil der Forschungs- und Innovationsmittel auf wenige Erkrankungen, während Erkrankungen mit hoher Belastung, die Frauen anders oder überproportional betreffen – wie Migräne oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen –, unterrepräsentiert bleiben.

Daten- und Evidenzlücken sind ein weiteres dringendes Problem. Frauen sind in der klinischen Forschung nach wie vor unterrepräsentiert. Viele Erkrankungen, die Frauen überproportional oder anders betreffen, sind nach wie vor unzureichend erforscht, und nach Geschlecht und Gender aufgeschlüsselte Daten werden noch immer nicht einheitlich erhoben. Diese Lücken sind besonders problematisch, da KI-gestützte Tools in der Frauengesundheit zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wenn Algorithmen auf der Grundlage unvollständiger oder verzerrter Daten trainiert werden, besteht die reale Gefahr, dass bestehende Ungleichheiten verstärkt statt beseitigt werden.

Schließlich bleibt die Integration und Einführung in die Gesundheitssysteme eine Herausforderung. Zu viele Innovationen bleiben isolierte Lösungen, die außerhalb von klinischen Leitlinien, Erstattungsregelungen und Strategien der öffentlichen Gesundheit operieren, was ihre Reichweite einschränkt.

Die Förderung der Frauengesundheit erfordert koordiniertes Handeln auf mehreren Ebenen. Auf der Forschungsseite brauchen wir inklusivere klinische Studien, bessere nach Geschlecht aufgeschlüsselte Daten und nachhaltige Investitionen in Erkrankungen, die lange Zeit vernachlässigt wurden. Auf der politischen und regulatorischen Ebene sind klarere Wege erforderlich, um sichere Innovationen zu unterstützen und gleichzeitig einen zeitnahen Markteintritt zu ermöglichen, sowie Erstattungsmodelle, die sicherstellen, dass wirksame Innovationen wie neue Diagnostika und Behandlungen auch jenen zugänglich sind, die diese nicht aus eigener Tasche bezahlen können. Schließlich müssen die Gesundheitssysteme selbst offener und integrationsbereit werden. Die wirkungsvollsten FemTech-Lösungen sollten in den Behandlungsverlauf und über die gesamte Lebensspanne von Frauen hinweg eingebettet werden, damit Frauen eine Kontinuität der Versorgung erleben und nicht eine Fragmentierung. Ebenso wichtig ist es, die interdisziplinäre und sektorübergreifende Zusammenarbeit zwischen Innovation, Forschung, Klinik und den Communities zu fördern und zu unterstützen, damit Lösungen nicht nur skalierbar, sondern auch sicher, wirksam, gerecht und gemeinsam mit Menschen mit eigener Lebenserfahrung entwickelt werden.

Tatsächlich wird die Finanzierung oft als großes Hindernis für Innovationen im Bereich der Frauengesundheit genannt. Wie wird FemTech derzeit finanziert und was muss sich ändern, damit wirksame Lösungen entwickelt und skaliert werden können?

Derzeit wird FemTech durch eine Mischung aus Risikokapital, Business-Angel-Investoren13, öffentlichen Fördermitteln und Philanthropie finanziert, aber das hinkt dem tatsächlichen Investitionsbedarf in diesem Wirkungsbereich oft weit hinterher. Die Frauengesundheit erhält nur etwa 5 bis 6 % der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsmittel (F&E)14 sowie Investitionsmittel im Gesundheitswesen, obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und einen Großteil der Gesundheitsausgaben bestimmen. Um wirksame Lösungen zu beschleunigen, benötigen wir zweckgebundene, stufenweise angepasste Finanzmittel. Dazu gehören öffentliche Mittel für Forschung und Pilotprojekte (zum Beispiel: eine kürzlich veröffentlichte Ausschreibung für MedTech im Bereich Frauengesundheit in Deutschland15) sowie Investoren, die in längeren Zeiträumen denken und die Realitäten des Gesundheitssystems verstehen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Frauengesundheit und von FemTech in den nächsten fünf Jahren? Wie würde für Sie ein bedeutender Fortschritt aussehen?

Ich hoffe, dass Innovationen im Bereich der Frauengesundheit und FemTech in fünf Jahren fester in der allgemeinen Gesundheitsversorgung, Forschung und Politik verankert sein werden. Ein bedeutender Fortschritt wäre für mich die breite Anerkennung, dass die Gesundheit von Frauen das Fundament für das Wohlbefinden der gesamten Gesellschaft ist, gestützt durch nachhaltige Investitionen und politisches Engagement. Ich wünsche mir, dass mehr evidenzbasierte Innovationen den Sprung aus der Pilotphase in die Regelversorgung schaffen, unterstützt durch klare Regulierungs-, Finanzierungs- und Erstattungswege. Wenn Innovationen im Bereich der Frauengesundheit in fünf Jahren inklusiver, diverser, besser finanziert und enger an echter Evidenz ausgerichtet sind, haben wir eine tiefgreifende und dauerhafte Veränderung erreicht.

Frau Dr. Ivanova, wir danken Ihnen für das Interview.16

Fußnoten

1 Kleine vernetzte Computer, die am Körper getragen werden und z. B. Gesundheitsdaten messen und auswerten.

2 https://femtechgermany.org.

3 https://femtech.co.ua/en.

4 https://www.spherecre.org/research/sxrx-collective.

5 Akzeleratoren (engl. Accelerator: Beschleuniger) fördern bereits existierende Start-ups.

6 https://www.mckinsey.com/mhi/our-insights/closing-the-womens-health-gap-a-1-trillion-dollar-opportunity-to-improve-lives-and-economies. 

7 https://femtechinsider.com/german-femtech-landscape-100-startups-driving-womens-health-innovation. 

8 Ein kollaboratives Veranstaltungsformat, bei dem Teilnehmende in Teams innerhalb kürzester Zeit innovative, technologiebasierte Lösungen für spezifische Herausforderungen entwickeln.

9 https://femtechacrossborders.com 

10 https://www.pwc.com/us/en/industries/health-industries/library/the-future-of-womens-health.html 

11 https://www.weforum.org/publications/the-women-s-health-innovation-radar-revealing-gaps-and-opportunities-across-the-science-to-patient-journey/?utm_source=linkedin&utm_medium=social 

12 Skalieren bedeutet, möglichst ohne größere Investitionen oder steigende Kosten zu wachsen.

13 Private Geldgeber, die Start-ups in der Frühphase mit Kapital, Fachwissen und Kontakten fördern.

14 https://www.pwc.com/us/en/industries/health-industries/library/the-future-of-womens-health.htmlim

15 https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Bekanntmachungen/DE/2026/03/2026-03-20-bekanntmachung-mt4w.html 

16 Die Fragen wurden schriftlich in englischer Sprache beantwortet. Der Text wurde mithilfe von Künstlicher Intelligenz (DeepL) bei Redaktion übersetzt und anschließend geprüft und angepasst.

Veröffentlichungsdatum

Interviewpartnerin

Dr. Olena Ivanova ist Senior Research Fellow am SPHERE Centre of Research Excellence der Monash University in Australien und assoziierte Forscherin am Institut für Infektions- und Tropenmedizin, LMU Klinikum in Deutschland. Sie verfügt über einen Doktortitel in Gesundheitswissenschaften, einen medizinischen Abschluss und einen Master in Public Health von führenden europäischen Institutionen. Ihre internationale, multidisziplinäre Forschung konzentriert sich auf die Förderung von Gerechtigkeit und Innovation im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Sie ist Gründerin von Women’s Health & FemTech Ukraine, Mitbegründerin von FemTech Germany sowie Gründerin des SxRx Collective in Australien. Sie treibt Veränderungen durch evidenzbasierte Forschung, den Aufbau von Gemeinschaften und strategische Beratung voran und wurde von Women of Wearables zu einer der 200 wegweisenden Führungskräfte im Bereich Frauengesundheit und FemTech ernannt.
Kontakt:
LinkedIn: www.linkedin.com/in/olenaiva
Website: ivanovaolena.com

 

Alle Links beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.

Herausgebende Institution

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Frauengesundheit

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