Peripartale psychische Erkrankungen
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Sehr viele, nämlich etwa 10 bis 15 Prozent der Mütter – das sind jährlich etwa 100.000 Mütter in Deutschland – und nach neueren Erkenntnissen auch etwa 5 bis 10 Prozent der Väter erleiden eine peripartale (rund um die Geburt ihres Kindes auftretende) psychische Erkrankung. Zu diesen peripartalen psychischen Erkrankungsbildern gehören peripartale Depression, Angst-, Zwangsstörung und Psychose. Überwiegend betreffen diese Störungsbilder die Mütter, da aber auch viele Väter peripartal psychisch erkranken, sollen sie im Folgenden mitgedacht werden.
Das postpartale Stimmungstief
Vielen Eltern werden die Anzeichen des »Babyblues « durch Hebammen und Gynäkolog*innen1 frühzeitig vermittelt. Dieses postpartale Stimmungstief tritt in den ersten 10 bis 14 Tagen nach der Entbindung auf, sollte aber über diesen Zeitraum nicht hinausgehen. Zwischen 50 und 80 Prozent aller Mütter leiden darunter. Typische Kennzeichen sind:
- Empfindsamkeit und Stimmungsschwankungen
- Traurigkeit und häufiges Weinen
- Müdigkeit und Erschöpfung
- Schlaf- und Ruhelosigkeit
- Konzentrations-, Appetit- und Schlafstörungen
- Ängstlichkeit und Reizbarkeit
Das postpartale Stimmungstief kann durch pflanzliche und homöopathische Medikamente sowie durch Fürsorge gelindert werden, bedarf nicht unbedingt einer Behandlung, verschwindet meist von selbst wieder, sollte aber nicht länger als zwei Wochen nach der Geburt andauern. Halten die Symptome länger an, deutet das auf eine behandlungsbedürftige postpartale Depression, Angst- oder Zwangsstörung hin.
Peripartale Depression, Angst- und Zwangsstörung
Dass es aber auch in der Schwangerschaft (präpartal) und sehr häufig nach der Geburt (postpartal) zu Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen kommen kann, die dringend einer Behandlung bedürfen, ist den meisten Eltern nicht bewusst. Diese Krankheitsbilder können jederzeit in der Schwangerschaft oder im Laufe des ersten Jahres nach der Entbindung auftreten und mehrere Wochen bis einige Monate andauern. Ohne Behandlung können sie sich auch chronifizieren. Da das Stillen depressionshemmend wirkt, können die Symptome dadurch hinausgezögert werden und erst mit dem Abstillen auftreten. Meistens nimmt der Krankheitsverlauf eine schleichende Entwicklung, sodass die ersten Anzeichen oft nicht erkannt werden, weil sie denen des Babyblues ähneln. Zu den möglichen Beschwerden des Babyblues kommen bei einer postpartalen Erkrankung Symptome hinzu wie:
- Schuld- und Versagensgefühle, vor allem in der Rolle als Mutter oder Vater
- inneres Leeregefühl, allgemeines Desinteresse, sexuelle Unlust
- zwiespältige Gefühle gegenüber dem Kind
- Konzentrations-, Appetit- und Schlafstörungen
- Kopfschmerzen, Schwindel, Herzbeschwerden und andere psychosomatische Beschwerden
- Ängste, extreme Reizbarkeit, Panikattacken
- Zwangsgedanken (sich aufdrängende wiederkehrende Ideen, Impulse oder Vorstellungen, die als unfreiwillig, inakzeptabel, quälend und angstauslösend empfunden werden) oder Zwangshandlungen, vor allem bezüglich der Hygiene rund um das Baby
- Suizid-, Infantizidgedanken
Vielfach versuchen die Eltern, dem Bild der glücklichen Eltern zu entsprechen, und tragen ihre Gefühle nicht nach außen. Schuld- und Schamgefühle belasten die Eltern enorm. Sie haben den Eindruck, schlechte Eltern zu sein, als Mutter oder Vater zu versagen, und fürchten sehr, dass dies Auswirkungen auf ihr Baby haben könnte. Hier ist es entscheidend, diese Ängste ernst zu nehmen, aber auch darauf hinzuweisen, dass es nun besonders wichtig ist, sich auf vielfältige Weise helfen zu lassen. Jede Unterstützung für die Eltern trägt zu deren schnellerer Genesung bei und kommt damit auch dem Baby und gegebenenfalls Geschwisterkindern zugute. Suizid- oder Infantizidgedanken treten meist dann auf, wenn keine Hilfe angeboten oder gefunden wird, weshalb die Äußerung von Suizidgedanken unbedingt immer ernst genommen und eine stationäre Aufnahme angestrebt werden sollte.
Postpartale Psychose
Die schwerwiegendste Reaktionsform ist die postpartale Psychose oder auch Wochenbett-Psychose. Sie tritt vorwiegend in den ersten zwei Wochen nach der Entbindung auf. Bis zu 0,3 Prozent aller Mütter erleiden eine Psychose. Typische Symptome sind:
- starke Antriebssteigerung, motorische Unruhe in der manischen Phase
- Antriebs-, Bewegungs- und Teilnahmslosigkeit in der depressiven Phase
- extreme Angstzustände, Gedankenrasen
- Verworrenheit, Wahnvorstellungen, Halluzinationen
- Persönlichkeitsveränderungen
Ein starker Antrieb, der sich in diversen überzogenen Aktivitäten äußern kann, bedeutet nicht, dass sich die Mutter in einer gesunden gehobenen Stimmung befindet. Die Betroffene kann in ihrem Denken stark gestört sein. Bei den Halluzinationen und Wahnvorstellungen kann die betroffene Frau Stimmen hören, Menschen, Tiere und Dinge sehen, die nicht existieren, oder Wahnvorstellungen, zum Beispiel religiöser Natur, entwickeln. Für Betroffene sind diese Erscheinungen dann real.
Die Psychose bedarf unbedingt einer stationären Behandlung. Eine vorübergehende Trennung von Mutter und Kind ist in diesem Fall leider nicht zu vermeiden. Hier ist es wichtig, dass das Baby in dieser Phase der Trennung eine stabile Bezugsperson hat, wenn möglich der Vater oder andere Verwandte.
Ursachen peripartaler psychischer Reaktionsformen
Die Ursachen für alle peripartalen psychischen Reaktionsformen sind vielfältig. Meistens führt nicht nur ein Auslöser, sondern das Zusammentreffen verschiedener Risikofaktoren zu einer peripartalen Überlastungsreaktion. Mit-Auslöser auf körperlicher Ebene können sein: mangelnder Schlaf, Hormonumstellung (auch bei den Vätern), Muttertät (der Transformationsprozess von der Frau zur Mutter) und körperliche Erkrankungen wie z. B. Schilddrüsendysfunktion und Stoffwechselstörungen oder psychische Vorerkrankungen.
Maßgeblich ist aber der Verlauf von Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbett. Wird eine dieser Phasen von den Eltern als belastend erlebt, kann dies ein Auslösefaktor sein. So zählen Schwierigkeiten vor der Schwangerschaft wie vorhergehende Fehlgeburt, langes Warten auf ein Wunschkind oder künstliche Befruchtung ebenso zu den Risikofaktoren wie Probleme in der Schwangerschaft, etwa wenn es sich um eine ungeplante oder aufgrund vorzeitiger Wehen angstbeladene Schwangerschaft handelt.
Häufige Risikofaktoren bei der Entbindung sind eine frühzeitige oder langwierige Entbindung, ungewollter Kaiserschnitt, unsensible Behandlung, Gewalt während der Geburt oder eine anderweitig traumatische Entbindung.
Auch die Verfassung des Kindes spielt eine Rolle. Eine Früh- oder gar Totgeburt, ein Schreibaby, Stillprobleme oder ungewolltes Abstillen belasten die Eltern enorm und führen oft zu Versagensgefühlen, die in eine Depression münden können.
Nicht vergessen sollte man, dass die Geburt eines Kindes eine gewaltige Umstellung für die Eltern bedeutet, die nicht nur physisch, sondern auch psychisch bewältigt werden muss: Abschied von der Schwangerschaft und der damit verbundenen Fürsorge, Abschied von der eigenen Kindheit, Verlust der Freiheit und Selbstbestimmung, Abschied vom eigenbestimmten, strukturierten Berufsleben. Mitunter kommen noch andere belastende Umstände dazu wie der Tod oder die Trennung von einem geliebten Menschen, Ortswechsel, finanzielle oder familiäre Probleme, Probleme in der Partnerschaft. Viele Beziehungen ändern sich: zum Partner, zur eigenen Mutter, zu den Freund*innen, zu Kolleg*innen, und die auffangende Großfamilie gibt es nur noch sehr selten. Auch können traumatische Erlebnisse in der Kindheit wie früher Verlust der Eltern, Gewalterfahrung, Missbrauch oder das eigene schwierige Geburtserlebnis durch die Schwangerschaft und die Geburt reaktiviert werden.
Hinzu kommt als Auslösefaktor das in Werbung, Literatur und Medien völlig idealisierte Mutterbild. Dem Traumbild der allzeit lächelnden, glücklichen, gepflegten Mutter können die Mütter nicht entsprechen. Sie leiden unter Versagensgefühlen und wagen nicht, über ihre wahren Gefühle zu reden und sich Hilfe zu holen. Stattdessen versuchen sie so lange wie möglich, dem Bild der perfekten Mutter zu entsprechen, weshalb man im englischen Sprachgebrauch auch von »Smiling Depression«, der »lächelnden Depression«, spricht.
Schwangerschaft und Wochenbett sind eine Phase extremer Vulnerabilität, eine hochsensible Zeit der Umstellung, in der die Mutter einen geschützten Rahmen benötigt. Sie sollte in dieser Zeit von allen weiteren Aufgaben entlastet, selbst bemuttert werden und die Möglichkeit zu ausreichend Schlaf erhalten.
Möglichkeiten der Unterstützung und Behandlung
Die Möglichkeiten der Behandlung richten sich nach der Krankheitsform und deren Schwere. Bei einer leichten Erkrankungsform können die Unterstützung durch Mütterpflegerinnen, Doulas (nichtmedizinische Geburtsbegleiterinnen), Familienhebammen, Frühe Hilfen usw. und begleitende Gespräche durch Schwangerschafts- oder psychosoziale Beratungsstellen helfen; meist reicht das aber nicht aus. Dann sollte eine medikamentöse Begleittherapie durch Fachärztinnen und Fachärzte erfolgen. Es gibt schwangerschafts- und stillverträgliche Medikamente, zu denen diese sich über www.embryotox.de und www.reprotox.de oder entsprechender Fachliteratur informieren können.
Da viele betroffene Eltern unter permanenter Anspannung leben, haben sich Körpertherapien als große Hilfen erwiesen. Darüber hinaus ist vor allem eine Psychotherapie wichtig, um die Auslöser der peripartalen psychischen Erkrankung herauszufinden und aufzuarbeiten. Dabei sind je nach Ursache der Erkrankungen verschiedenste Therapieformen hilfreich; häufig ist aufgrund einer als traumatisch erlebten Geburt eine Traumatherapie sehr sinnvoll.
Bei schwererer Erkrankung kann ambulante psychiatrische Pflege oder stationsäquivalente Behandlung unterstützen.
Die Behandlung einer sehr schweren postpartalen Depression mit Suizidgedanken oder einer postpartalen Psychose sollte aber in jedem Fall stationär in einer psychiatrischen Fachklinik erfolgen. Anschließend wäre die Weiterbehandlung in einer reinen Mutter-Kind-Station mit gezielten Therapieangeboten einschließlich einer Mutter-Kind-Interaktionstherapie erstrebenswert. Auf einer solchen Station kann die Mutter die Bindung zu ihrem Baby gut aufbauen, Selbstvertrauen gewinnen und die postpartale Erkrankung überwinden. Es gibt aber nur wenige solcher Einrichtungen in Deutschland; sie sind also längst nicht flächendeckend vorhanden, sodass es häufig zu einer nur notdürftigen Aufnahme in einer Mutter-Kind-Einheit auf einer allgemeinpsychiatrischen Station oder gar zu einer Trennung von Mutter und Baby und damit einer Störung der beiderseitigen Bindung kommt. Außerdem geht der Trend zu tagesklinischen Angeboten, die jedoch für viele Mütter nicht erreichbar sind. Die meisten Mutter- Kind-Einheiten nehmen auch nur Babys bis zu einem Alter von einem Jahr mit auf; für Eltern mit älteren Kindern gibt es viel zu wenige familienpsychiatrische Einrichtungen mit entsprechenden Folgen für Eltern und Kind. Bei jeder Form der Behandlung sollte das familiäre Umfeld mit einbezogen werden.
Begleitend zur fachlichen Behandlung kann die 1996 gegründete, bundesweite Selbsthilfe-Organisation Schatten & Licht e. V. mit ihren Hilfsangeboten unterstützen. Neben einer ausführlichen Website und kostenfreiem Infomaterial in Deutsch und Englisch werden über die Organisation kostenfreie Telefonberatung, regionale Selbsthilfegruppen und bundesweite Online-Selbsthilfegruppen zu diversen Schwerpunktthemen angeboten. Außerdem führt der Verein eine Liste von Fachleuten, in der zurzeit über 2.200 Personen verschiedenster Berufsgruppen aufgeführt sind, die sich auf die Behandlung von Müttern und Vätern mit psychischen Krisen rund um die Geburt spezialisiert haben.
Darüber hinaus stellt die Organisation genauere Informationen zu den deutschen Mutter-Kind-Einheiten an psychiatrischen Kliniken zusammen, in die postpartal erkrankte Mütter mit ihren Kindern aufgenommen werden können.
Um auch Fachleute zu schulen, bietet der Verein Vorträge und 15 verschiedene jeweils fünfstündige (Online-) Fortbildungen rund um das Thema der peripartalen psychischen Erkrankungen an.
So vielfältig wie die Ursachen sind also auch die Behandlungsmöglichkeiten peripartaler psychischer Erkrankungen. Die Versorgungslage ist in Deutschland allerdings sehr schlecht: Es fehlt an einem proaktiven Screening, traumasensibler Geburtsmedizin, Facharztterminen, ambulanten und stationären Therapieplätzen, Mutter/Vater-Kind-Einrichtungen und familientherapeutischen Angeboten. Ein flächendeckender Ausbau spezialisierter Versorgungsstrukturen ist nicht nur eine medizinische Notwendigkeit, sondern eine präventive Investition in die Gesundheit der nächsten Generation. Denn jeder Cent und jede Minute, die wir jetzt in die Familien investieren, zahlt sich in Zukunft vielfach aus.
Fußnote
1 Auf Wunsch der Autorin wird in diesem Beitrag der Gender-Stern verwendet.
Literatur
Asenbaum, M. (2026). Postpartale Depression – Störungen systemisch behandeln. Carl-Auer-Verlag.
Egerbacher-Anker, N., & Harms, Th. (2026). Postpartale Depression und andere Krisen rund um die Geburt – Familien mit Emotioneller Erster Hilfe sicher begleiten. Psychosozial-Verlag.
Köhler-Weisker, A. (2023). Postpartale Depression – Ein psychoanalytisches Modell zur Co-Therapie von Mutter und Kind. Psychosozial-Verlag.
Lier-Schehl, H. (2020). Seelische Gesundheit für Familien von Anfang an – Psychosoziale Präventionsarbeit bei peripartalen Erkrankungen. Psychosozial-Verlag.
Rohde, A., & Dorn, A. (2023). Rund um die Geburt – Depressionen, Ängste und mehr. Kohlhammer.
Rohde, A., & Dorn, A. (2025). Postpartale Depressionen und ihre vielen Gesichter. Kohlhammer.
Rohde, A., Schaefer, C., et al. (2023). Mutter werden mit psychischer Erkrankung. Kohlhammer.
Trautmann-Villalba, P., & Hain, S. (2025). Therapie-Tools Peripartalzeit. Beltz.
Wortmann-Fleischer, S., & Hornstein, C. (2025). Postpartale psychische Störungen. Kohlhammer.
Alle Links und Literaturangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.
Zitation
Surholt, S. (2026). Peripartale psychische Erkrankungen. FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung: Informationsdienst des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 1, 26–30.
Download Zitation (RIS)Veröffentlichungsdatum
Sabine Surholt, Magister der Kunstgeschichte, ist Mitbegründerin und seit 1998 Erste Vorsitzende der bundesweiten Selbsthilfe-Organisation »Schatten & Licht e. V. – Initiative peripartale psychische Erkrankungen«.
Kontakt: sabine.surholt(at)schatten-und-licht.de
www.schatten-und-licht.de
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Herausgebende Institution
Artikel der Gesamtausgabe
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