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FORUM 1–2026

Pilotprojekt zur Frage rassistischer Diskriminierung in der Geburtshilfe

Wie Rassismus thematisieren?

Milena Wegelin , Lea Graf , Origlia Paola , Isabelle Zinn , Informationen zu den Autorinnen/Autoren
Das Pilotprojekt untersucht den Umgang mit rassistischer Diskriminierung in der Geburtshilfe und Ansatzpunkte für eine diskriminierungssensible Versorgung.

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Rassismus rückt zunehmend in den Fokus der Public-Health-Forschung. Ein Pilotprojekt des Fachbereichs Geburtshilfe in Zusammenarbeit mit dem Institut »New Work« der Berner Fachhochschule (BFH) weist darauf hin, dass sowohl die Haltung als auch der Umgang damit sehr unterschiedlich ausfallen können. Im Rahmen einer explorativen Pilotstudie1 wurden vom Oktober 2025 bis Februar 2026 semi-strukturierte Leitfadeninterviews mit drei weißen Hebammen, einer weißen Gynäkologin, einer rassifizierten2, in der perinatalen Versorgung komplementärmedizinisch tätigen Fachperson, einer Nutzerin der Geburtshilfe sowie einer Praktikantin in der Geburtshilfe geführt, beide ebenfalls rassifiziert. Zusätzliche Daten wurden durch ein Fokusgruppengespräch mit drei Hebammenstudierenden erhoben, von denen eine rassifiziert war. Die Daten wurden einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen.

Die Interviewdaten zeigen, dass die Thematiken rund um Rassismus häufig zu Verunsicherungen führen und die Benennung derselben nicht immer leichtfällt. Dies hängt auch mit der gesellschaftlich verbreiteten Vorstellung zusammen, dass rassistisch diskriminierende Handlungen intentional aufgrund einer rassistischen Haltung erfolgen. Demgegenüber steht die Erkenntnis, dass historisch gewachsene und gesellschaftlich verankerte rassistische Stereotype unser Handeln auch unbewusst beeinflussen – eine Perspektive, die dem Konzept des strukturellen Rassismus zugrunde liegt. Dieser bezeichnet gesellschaftliche Strukturen, Normen und Praktiken, die historisch gewachsene Ungleichheiten zwischen sozialen Gruppen fortführen. Dabei kann rassistische Diskriminierung auch ohne bewusste rassistische Absicht entstehen, entscheidend sind die Auswirkungen auf die Betroffenen (Mugglin et al., 2022). Aus den Interviews des Pilotprojekts geht hervor, dass insbesondere die Schmerzbehandlung ein Bereich ist, in dem unbewusste rassistische Stereotype Einfluss auf die Versorgung nehmen können. Dies kann beispielsweise dann geschehen, wenn bei einer Gebärenden aufgrund ihrer zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit stereotype Schmerzreaktionen angenommen werden, anstatt ihre individuellen Bedürfnisse ins Zentrum der Betreuung zu stellen. Auch die evidenzbasierte Literatur weist auf diesen Zusammenhang hin (Overtoom et al., 2025). Die Interviews zeigen außerdem, dass das Verhalten rassifizierter Personen und ihrer Familien in der Geburtshilfe manchmal rassistisch bewertet wird. Das geschieht zum Beispiel, wenn fehlende Zusammenarbeit (non-compliance) angenommen wird, da Kommunikationsprobleme nicht als situationsbedingt verstanden, sondern auf rassistische Vorurteile und stereotype Vorstellungen zurückgeführt werden. Eine Studie zur Kommunikation in der Hebammenarbeit in Deutschland bestätigt diese Ergebnisse (Keil-Reppmann, 2024).

Die Resultate der Pilotstudie deuten darauf hin, dass eine konstruktive Auseinandersetzung mit Rassismus in der Geburtshilfe insbesondere durch ein Verständnis von Rassismus als strukturellem Phänomen unterstützt werden kann, das über alltagsbezogene Begriffsverständnisse hinausgeht. Somit wird ermöglicht, ein entsprechendes Problembewusstsein für rassistische Diskriminierungen zu fördern. Die erhobenen Daten zeigen zudem, dass Fachpersonen in der Geburtshilfe unterschiedliche Haltungen zum Thema Rassismus haben. Diese reichen von einer offenen Bereitschaft zur Reflexion bis hin zu Abwehrreaktionen, die im Sinne des Konzepts der white fragility (Ogette, 2020) eine kritische Auseinandersetzung mit unbewussten und gesellschaftlich erlernten Formen von Rassismus erschweren.

Räume für Reflexionen schaffen

Die Interviews mit Studienteilnehmerinnen aus verschiedenen Arbeitskontexten und Arbeitspositionen zeigen weiter auf, wie sich diese Dynamiken auf der Ebene der konkreten Arbeitsbedingungen verstärken. Zeitdruck und Sprachbarrieren sind zentrale erschwerende Faktoren für die diskriminierungssensible Gesundheitsversorgung (Kajikhina et al., 2023). Gemäß unseren Daten können ausgeprägte Hierarchien im geburtshilflichen Kontext zudem
offene Reflexionsprozesse zwischen Fachpersonen mit divergierenden Positionen verhindern. Die Thematisierung von Rassismus bleibt so innerhalb der Machtverhältnisse im Arbeitskontext oftmals unbearbeitet und mit Unbehagen besetzt.

Um ohne Scham, Tabus oder Schuldzuweisungen über Rassismus sprechen zu können, braucht es einerseits ein klares Verständnis von Rassismus als greifbarem Konzept und andererseits sichere und geschützte Räume für die Selbstreflexion und den gemeinsamen Austausch im Arbeitsalltag. Voraussetzung dafür ist eine institutionelle Verankerung der Thematik, um eine konstruktive Auseinandersetzung zu etablieren und entsprechende Handlungsempfehlungen umzusetzen (Merz et al., 2026). Mit einer entsprechenden institutionellen Haltung können Berührungsängste mit der Thematik abgebaut und Negierung wie auch Unsicherheiten angesprochen werden. Wie sich ein solcher Prozess gestalten lässt, ist ein Forschungsgegenstand, der in einer partizipativen Hauptstudie sowohl mit rassifizierten Nutzer*innen als auch Hebammen untersucht werden soll. Im Fokus stehen Fragestellungen zur Förderung von Reflexions- und Dialogprozessen zu Rassismus, die Entwicklung konstruktiver Formen der Auseinandersetzung mit rassistischer Diskriminierung sowie die gemeinsame Erarbeitung praxisnaher und nachhaltiger Maßnahmen für eine diskriminierungssensible perinatale Versorgung.

Fußnoten

1 https://www.bfh.ch/de/forschung/forschungsprojekte/2025-655-917-669 
2 Der Begriff »rassifiziert« wird in der Rassismusforschung verwendet und beschreibt den Prozess der Kategorisierung und Hierarchisierung sozialer Gruppen sowie die Aufladung bestimmter Merkmale dieser Gruppen mit Bedeutung.

Literatur

Kajikhina, K., Koschollek, C., Bozorgmehr, K., Sarma, N., & Hövener, C. (2023). Rassismus und Diskriminierung im Kontext gesundheitlicher Ungleichheit – ein narratives Review. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 66(10), 1099–1108. https://doi.org/10.1007/s00103-023-03764-7

Keil-Reppmann, L. (2024). Kommunikation und Macht – eine Untersuchung zu Rassismus in der Hebammenarbeit. Hebamme, 37, 26–31. https://doi.org/10.1055/a-2287-9384

Merz, S., Bilgic, L., Meshkova, K., Aksakal, T., Brunnett, R., Yilmaz-Aslan, Y., Brzoska, P., & Tezcan-Güntekin, H. (2026). Rassismus abbauen, Versorgung stärken. Handlungsempfehlungen für stationäre Gesundheitseinrichtungen. https://doi.org/10.5281/zenodo.18957444

Mugglin, L., Efionayi-Mäder, D., & Ruedin, D. (2022). Grundlagenstudie zu strukturellem Rassismus in der Schweiz. SFM Studies #81d. Université de Neuchâtel, Institut SFM.

Ogette, T. (2020). Exit RACISM. Unrast Verlag.

Overtoom, E., Goodarzi, B., Kanu, S., Helberg-Proctor, A., de Jonge, A., & Bloemenkamp, K. (2025). »You think, like, you’re neutral but you’re not«: A mixed- methods study of racial/ethnic bias in pain assessment, management and treatment in maternal and newborn care in the Netherlands. International Journal for Equity in Health, 25(1), 9. https://doi.org/10.1186/s12939-025-02714-w 

 

Alle Links und Literaturangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.

Veröffentlichungsdatum

Milena Wegelin, Sozialanthropologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der angewandten Forschung und Entwicklung im Fachbereich Geburtshilfe der Berner Fachhochschule (BFH). Arbeitsschwerpunkte: sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte im Flucht- und Migrationskontext, reproduktive Gerechtigkeit, Diskriminierung in der perinatalen Versorgung.
Kontakt: milena.wegelin(at)bfh.ch

Lea Graf, wissenschaftliche Assistentin im Bereich Diversity, Equity & Inclusion am Institut New Work der Berner Fachhochschule (BFH). Arbeitsschwerpunkte: Diversity, Equity & Inclusion mit Fokus auf LGBTIAQ+, strukturelle Ungleichheiten, Inklusion in Organisationen, Bildung und Gesundheit, Gleichstellung und chancengerechte Teilhabe.
Kontakt: lea.graf(at)bfh.ch

Paola Origlia Ikhilor, Hebamme MSc, Dozentin für Geburtshilfe und Hebammenarbeit, Gruppenleiterin und Co-Verantwortliche Ressort Wissenschaftliches Arbeiten und Thesen im Bachelor-Studiengang Hebamme der Berner Fachhochschule (BFH). Themenschwerpunkte: mütterliche und kindliche Gesundheit bei sozioökonomischer Benachteiligung, Diversität und Chancengleichheit in der perinatalen Versorgung.
Kontakt: paola.origlia(at)bfh.ch

Isabelle Zinn, Soziologin und Professorin für Diversity, Equity & Inclusion und neue Arbeitsformen am Institut New Work der Berner Fachhochschule (BFH). Arbeitsschwerpunkte: strukturelle Ungleichheiten, Gesundheit und geschlechtsspezifisches Altern am Arbeitsplatz, Arbeit-Familie-Arrangements und Vereinbarkeit, unbezahlte Arbeit, neue Arbeitsformen und Transformation von Arbeit.
Kontakt: isabelle.zinn(at)bfh.ch

 

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Herausgebende Institution

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