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FORUM 1–2018

Projektskizzen: Sexualität und Migration

Eine Studie zu den Lebenswelten minderjähriger geflüchteter Jugendlicher in Deutschland und ihrer Einstellung zu Sexualität und Familienplanung

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Hintergrund und Zielsetzung

Die BZgA hat den gesetzlichen Auftrag, für unterschiedliche Zielgruppen Konzepte zur Sexualaufklärung zu entwickeln. Sie stellt Informationen zu Sexualität, Verhütung und Familienplanung kostenfrei zur Verfügung. Ziel ist die Vermeidung von Schwangerschaftskonflikten. Um diesen Auftrag erfüllen zu können, müssen neben der Bereitstellung wissenschaftlich abgesicherter Informationsmaterialien auch Strategien zur Ansprache von Zielgruppen entwickelt werden.

Eine besondere Herausforderung für die Entwicklung von Ansprachestrategien sind Zielgruppen, die zum einen schwer erreichbar sind, zum anderen aber einen hohen Informationsbedarf haben. Die BZgA-Studie »Sexualität und Migration« aus dem Jahre 2010 hat gezeigt, dass ein Teil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu dieser Zielgruppe gehört (Renner 2013). In den letzten Jahren sind viele Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland geflüchtet, darunter allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2016 fast 60 000 Teenager im Alter von 14 bis 17 Jahren. Um auch Jugendliche mit Fluchterfahrung angemessen mit Informationsangeboten zu versorgen, wird mehr Wissen über ihre Lebenswelten, ihre Einstellungen, Normen, Werte und Verhaltensabsichten dringend benötigt.

Studiendesign

Um dieses Wissen zu generieren, sind zwischen August 2017 und Februar 2018 80 eineinhalbstündige leitfadengestützte qualitative Einzelbefragungen mit weiblichen und männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren durchgeführt worden, die zwischen 2015 und 2017 nach Deutschland geflüchtet sind. Die Themen des Leitfadens umfassten die Aspekte Alltag, Freizeit und Interessen, Vergemeinschaftung und Freunde, kulturelle Orientierung, Identität, Religion, Migration, Zukunft, berufliche Orientierung und Kompetenzen, Rollenbilder, Familienplanung und Sexualität sowie »was im Leben wichtig ist«. Diese Jugendlichen haben zusätzlich vor dem Inter view ein »Hausaufgabenheft« zum Thema »So bin ich, das mag ich« aus ge füllt und mit einer Einwegkamera einige für sie bedeutsame Eindrücke aus ihrem Alltag festgehalten. Die Studie bot darüber hinaus die Möglichkeit, einen ersten Eindruck von der Akzeptanz des Webportals Zanzu bei Jugendlichen zu erhalten. Zanzu wurde für Erwachsene mit Migrationsgeschichte konzipiert und in Beratungsstellen evaluiert (Renner/Winkelmann 2017), ist aber eventuell als diskrete Informationsquelle auch für Jugendliche geeignet. Die Interviewenden haben dazu den befragten Jugendlichen Startseite und erste Unterseiten des Portals auf Tablet oder Smartphone gezeigt und die ersten Reaktionen dokumentiert.

Das Forschungskonzept setzte besondere Qualifikationen der Interview en den voraus, die mit dem ethnologischen Ansatz und mit der Explorationstechnik ebenso vertraut sein mussten wie mit den Erkenntnisinteressen der Untersuchung. Alle eingesetzten Interviewenden wurden daher entsprechend geschult und eingewiesen. Zudem waren Fähigkeit zur kulturellen Umsetzung des Themenkatalogs und ein kulturelles Einfühlungsvermögen zentrale Auswahlkriterien bei der Rekrutierung, d.h., es wurde nur mit Personen gearbeitet, die selbst einen entsprechenden Migrationshintergrund besitzen. Die Interviews wurden also in der Muttersprache der Jugendlichen durch gleichgeschlechtliche, bikulturelle, jedoch nicht-professionelle Interviewerinnen und Interviewer geführt. Um Interviewereffekte, d.h. systematische Verzerrungen der Befragungsergebnisse, die auf Einflüsse der Inter viewenden zurückzuführen sind, weit gehend zu vermeiden, wurden diese vor dem Feldstart nach ihren Einstellungen zu den Themen der Untersuchung – und ganz besonders den Aspekten Familie, Partnerschaft und Sexualität – befragt. Äußerungen, die auf Vorurteile, missionarische Einstellungen oder Ähnliches schließen ließen, führten zum Ausschluss. Die Gespräche selbst wurden, um jeden Informationsverlust zu vermeiden, auf Tonband aufgezeichnet. Bei der Übersetzung und Verschriftlichung der Audioaufzeichnungen durch die Interviewenden konnten deren Beobachtungen vor Ort und ihr kulturelles Wissen in wertvolle Hinweise am Rande einfließen. Bereits bei der Finalisierung der Leitfäden und deren Übersetzung hatte das beauftragte Forschungsinstitut SINUS auf das Hintergrundwissen und kulturelle Kapital der Interviewenden zurückgegriffen.

Auf eine Quotierung des Merkmals »Bildung« für die Stichprobe wurde verzichtet, da eine verlässliche Erfassung und Kategorisierung des tatsächlichen Bildungsstands zu bezweifeln war: Zum einen fehlt eine herkunftslandübergreifende Vergleichbarkeit der Schulformen, zum anderen haben die Jugendlichen aufgrund der Situation im Herkunftsland und/oder wegen ihrer Flucht in der Vergangenheit nicht durch gängig eine Schule besuchen können. Der Besuch einer bestimmten Bildungseinrichtung hier in Deutschland spiegelt zudem nur bedingt den Bildungsstand der Teilnehmenden, da Sprachkenntnisse und Dauer des Aufenthalts in Deutschland eine ebenso wichtige Rolle spielen. Die von den befragten Jugendlichen derzeit besuchten Bildungseinrichtungen umfassten alle Schultypen von Integrationsklasse über Haupt-, Real- und Gesamtschule bis Gymnasium und Berufsschule im Rahmen einer Berufsausbildung.

Unter Berücksichtigung der offiziellen BAMF-Statistik zu den minderjährigen Geflüchteten im Alter von 14 bis 17 Jahren war ursprünglich für die Studie ein entsprechender ethnischer und geschlechtsspezifischer Zuschnitt der Stichprobe entwickelt worden (siehe Tab. 1).

Aufgrund der weiter unten ausgeführten Herausforderungen bei der Feldarbeit weicht die tatsächliche Stichprobe vom geplanten Zuschnitt ab.

Tab. Zugangsstärkste Herkunftsländer bei den 14- bis 17-jährigen Erstantragstellern

Es wurden sowohl unbegleitete Jugendliche interviewt als auch Mädchen und Jungen, die mit ihren Eltern oder anderen volljährigen Familienmitgliedern nach Deutschland gekommen waren. Das Spektrum der Wohnformen war facettenreich: Flüchtlings-  bzw. Sammelunterkunft, Anschlussunterbringung, betreutes Wohnen, Jugend- oder Kinderheim, private Wohnung mit den Eltern oder anderen Verwandten, private Wohnung für sich allein, in einer Pflegefamilie. Befragungsorte waren, neben Berlin und Bremen, 24 Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Für die Rekrutierung der Jugendlichen wurden Zugänge über fünf Instanzen gewählt: Das Netzwerk der SINUS Akademie (hauptsächlich Akteure der offenen wie auch verbandlich organisierten Jugendhilfe), das Netzwerk der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (Mitarbeitende der DKJS oder der regionalen Servicebüros der DKJS, ehren- wie auch hauptamtliche Mitarbeitende in Projekten aus dem Programm der DKJS, Mitarbeitende in Ämtern bzw. Behörden), Felddienstleistende, das SINUS-Netzwerk (freie Rekru tierende bzw. Netzwerkende) und die für die Studie aktiven muttersprachlichen Interviewenden. Der Zugang über Mediatoren/Vertrauenspersonen erwies sich als unerlässlich, hatte aber Streuverluste hinsichtlich Information zum geplanten Gespräch sowie Zeitverluste im Prozess der Rekrutierung zur Folge.

Herausforderungen bei der Rekrutierung

Es war Anspruch der Studie, einen möglichst authentischen Einblick in das Spektrum der Lebenswelten minderjähriger Geflüchteter zu bekommen. Folglich war es notwendig, auch zu jenen Jugendlichen Zugang zu finden und sie zu einem Interview zu bewegen, die nicht zu »den üblichen Verdächtigen« zählen, die sich bereits aktiv einbringen und gern interviewen lassen. Im Verlauf der Feldphase ergaben sich dabei vielfältige und unvorhersehbare Herausforderungen.

So waren beispielsweise Jugendliche nach dem ersten Kontakt nicht mehr erreichbar, weil sie ein neues Handy mit einer anderen Nummer benutzten, sobald das Guthaben einer Prepaidkarte aufgebraucht war. Andere befanden sich zunächst in einer Sammelunterkunft, verließen diese aber während der Rekrutierungsphase, und der neue Aufenthaltsort konnte nicht ermittelt werden (u. a. aus Datenschutzgründen). Manche wurden zwischenzeitlich abgeschoben, wiederum andere sind in ein anderes Land umgezogen. Bereits zugesagte Termine kamen nicht zustande, weil die Jugendlichen doch Vorbehalte entwickelten, die nicht ausgeräumt werden konnten, und sie sich gegen ein Gespräch entschieden (besonders mit Blick auf das heikle Thema Sexualität). Auch waren oftmals diejenigen Mediatoren in den Unterkünften oder Jugendeinrichtungen, die ursprünglich die Teilnahme zugesagt hatten, aus den verschiedensten Gründen nicht (mehr) vor Ort, was (im Falle, dass Vertretungen nicht informiert waren und/oder Vorbehalte hatten) zur kurzfristigen Absage der Teilnahme der Jugendlichen führte. Schlussendlich bestanden auch bei einer nicht zu unterschätzenden Zahl der Eltern der Jugend lichen Vorbehalte, die nicht ausgeräumt werden konnten (z. B. Misstrauen gegenüber Anonymitätszusicherungen, Angst vor möglichen Konsequenzen im Asylverfahren), woraufhin sie ihren Kindern die Teilnahme untersagten. Erschwerend bei der Durchführung kam hinzu, dass Interviews trotz vorheriger Ankündigung manchmal nicht unter vier Augen geführt werden konnten, weil ohne Anwesenheit von Familienmitgliedern sonst die Teilnahme infrage gestellt worden wäre. Die Interviewenden haben dies in den Transkripten vermerkt und auch notiert, an welchen Stellen die Anwesenheit Dritter ihrer Wahrnehmung nach Einfluss auf das Antwortverhalten hatte, was wiederum bei der Interpretation der Befunde berücksichtigt wird.

Die ohnehin bereits zeitaufwendige Rekrutierung verzögerte sich auch, da zwischen Erstkontakt und endgültiger Absage oft bis zu sechs Wochen lagen und die Kommunikation über mehrere zwischengeschaltete Instanzen verlaufen musste und Nachrekrutierungen wiederum einen entsprechenden zeitlichen Vorlauf benötigten.

Die Rekrutierung von Jugendlichen aus Eritrea, vor allem von Mädchen, gestaltete sich äußert aufwendig und kompliziert. Bei den Mädchen kam es trotz Erstkontakten zu keiner Terminvereinbarung. Um Zugang zu dieser Zielgruppe zu bekommen, wäre wahrscheinlich eine bereits vorab geplante, längere Phase der Kontaktanbahnung und des Vertrauensaufbaus notwendig gewesen, an deren Ende ein Gespräch oder mehrere Gespräche über einzelne relevante Themen hätten stattfinden können. Besonders der tabubewehrte Themenkomplex Sexualität ist in der teilweise schwer traumatisierten Zielgruppe nur bei absolutem Vertrauen in die Interviewerin explorierbar. Die beschriebene Vorgehens weise hätte eine dauerhaft umfangreiche Involvierung der muttersprachlichen Interviewenden erfordert, was im Rahmen der vorliegenden Studie nicht geleistet werden konnte. Im Verlauf der Feldphase wurde daher aus forschungsökonomischen Gründen beschlossen, Eritrea als Herkunftsland für Teilnehmende von der weiteren Rekrutierung auszunehmen.

Die Befunde der Studie, die vor aussichtlich ab Herbst 2019 veröffentlicht werden, basieren auf Tiefeninterviews mit einer quotierten Auswahl Geflüchteter, die mit der Gesamtgruppe so weit wie möglich – in zentralen Merk malen vergleichbar ist. Damit werden Daten zu Informationsbedarfen und se xualpädagogischen Zugangswegen erstmals in unmittelbarem Kontakt mit der Zielgruppe erhoben. Da diese Informationen dringend benötigt werden, ist der hohe Aufwand bei der Rekrutie rung der 14- bis 17-Jährigen mit Fluchterfahrung gerechtfertigt.

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Veröffentlichungsdatum

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Heide Möller-Slawinski
SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH
Adenauerplatz 1
69115 Heidelberg
heide.moeller-slawinski(at)sinus-institut.de
www.sinus-institut.de

 

Alle Links und Angaben zu Autorinnen und Autoren beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.

Herausgebende Institution

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Studie

Sexualität und Migration - Schwerpunkt Flucht

Eine qualitative Studie zu den Lebenswelten minderjähriger geflüchteter Jugendlicher in Deutschland

Die Studie nimmt eine besondere Zielgruppe in den Blick, zu der bisher noch wenig wissenschaftlich abgesicherte…
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