Zur Bedeutung Künstlicher Intelligenz für die sexuelle Gesundheit
Das »SEX:AI«-Projekt
- Artikel
- Bibliografische Daten
- Autorinnen/Autoren
- Gesamtausgabe
»Woran merke ich, ob ich bereit bin für das erste Mal Sex?« »Wie erkenne ich, ob meine Freundin mich wirklich liebt?« »Ist es normal, dass meine Monatsblutung zehn Tage lang dauert?« »Ich bin 16 und schwanger, meine Eltern dürfen nichts davon wissen, was soll ich jetzt machen?« Fragen und Probleme rund um sexuelle und reproduktive Gesundheit sind vielfältig und treten in allen Bevölkerungsgruppen und Lebensphasen auf. Insbesondere Jugendliche, für die das Hineinwachsen in ein aktives Sexual- und Liebesleben eine wichtige Entwicklungsaufgabe darstellt, haben häufig besonders viele Fragen.
Antworten auf ihre sexualbezogenen Fragen suchen Jugendliche heutzutage oft als Erstes im Internet. Denn das ist schnell und diskret: Sie googeln und nutzen die Suchmasken auf YouTube, Instagram oder TikTok (Döring, 2017). Neuerdings fragen sie auch »ChatGPT« und andere Tools der Künstlichen Intelligenz (kurz: KI) in sexuellen Dingen um Rat (Döring, 2025). Das wirft die Frage auf, welche Qualität KI-generierte Sexualaufklärung hat. Kann »ChatGPT« (von OpenAI) einfühlsam, altersgerecht, vielfaltsanerkennend, faktisch korrekt und gut verständlich antworten, wenn es um sensible und persönliche Fragen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit geht? Und wie sieht es aus bei anderen öffentlich verfügbaren KI-Tools wie »Gemini« (von Google), »Claude« (von Anthropic), »DeepSeek« (von DeepSeek) oder »MyAI« in Snapchat (von Snap; siehe Abbildung 1)? Die KI-generierte Sexualaufklärung ist ein neues Phänomen, das seit der Veröffentlichung von »ChatGPT« im November 2022 stark an Verbreitung und Bedeutung gewonnen hat (Döring, 2023).

Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des »SEX:AI«-Projekts, die Bedeutung generativer KI-Tools für die sexuelle und reproduktive Gesundheit der Allgemeinbevölkerung zu untersuchen. Nicht zum Fokus des »SEX:AI«-Projekts gehören daher Fragen des KI-Einsatzes durch Fachleute, etwa im Kontext der Medikamentenentwicklung, Operationsunterstützung oder wissenschaftlichen Datenanalyse.
Das Projekt wird am Fachgebiet Medienpsychologie und Medienkonzeption der Technischen Universität Ilmenau unter meiner Leitung durchgeführt1 als Fortsetzung meiner langjährigen Forschung zur Internet-Sexualität (z. B. Döring, 2009, 2017; Döring & Mohseni, 2018). Finanziert aus Haushaltsmitteln der Professur, will das »SEX:AI«-Projekt von 2024 bis 2027 im Sinne einer Pilotforschung das neue Gebiet der KI-Sexualität strukturieren und erkunden. Es geht also zunächst darum, verschiedene Einsatzformen von KI im sexuellen Alltag der Bevölkerung zu differenzieren und diese dann theoretisch fundiert und datenbasiert zu beschreiben. Dazu werden neben einer fortlaufenden Auswertung der internationalen Fachliteratur verschiedene empirisch-sozialwissenschaftliche Methoden eingesetzt, vor allem Inhaltsanalysen, Interviews und Fragebogenerhebungen.
Der aktuelle KI-Hype
Für die breite Bevölkerung hat es aktuell noch einen relativ hohen Neuigkeitswert, generative Tools der Künstlichen Intelligenz zu nutzen und dabei etwa sexualitätsbezogenes Text-, Ton- und Bildmaterial künstlich zu erzeugen oder zu modifizieren. Doch die KI-Technologie als solche ist keineswegs neu. Tatsächlich wurde der Begriff der Künstlichen Intelligenz (kurz: KI; engl. Artificial Intelligence, kurz: AI) vor genau 70 Jahren geprägt: Unter Erstautorschaft des Mathematikers John McCarthy vom Dartmouth College in den USA beantragte im Jahr 1955 eine Gruppe von vier Wissenschaftlern Fördergelder für ein zweimonatiges Sommer-Forschungsprojekt. Der Fördermittelantrag unter dem Titel »Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence« (McCarthy et al., 1955) führte das KI-Konzept ein und meinte mit »Künstlicher Intelligenz« die noch zu entwickelnde Fähigkeit von Maschinen (insbesondere von Computern), menschliche Intelligenzleistungen zu simulieren. Dazu wollte das letztendlich genehmigte und 1956 durchgeführte Dartmouth-Projekt unter anderem untersuchen, wie Maschinen Sprache verwenden, Abstraktionen und Konzepte bilden und sich selbst verbessern, um schließlich Probleme lösen zu können, die bis dahin nur durch menschliche Intelligenz lösbar waren.
Bei umschriebenen Problemen hat die KI-Entwicklung ihr Ziel erreicht: So können spezialisierte KI-Systeme (»schwache KI«) beispielsweise menschliche Schachgroßmeister*innen2 besiegen und Hautkrebs besser erkennen als ausgebildete Dermatolog*innen. Unklar ist jedoch bis heute, ob es in absehbarer Zeit möglich sein wird, ein allgemeines KI-System (»starke KI«) zu schaffen, das sich in allen möglichen Problemstellungen mit dem Menschen messen kann.
In den vergangenen 70 Jahren hat die technische Entwicklung der KI eine wechselhafte Geschichte durchlaufen mit Phasen gesteigerter Hoffnungen und vermehrter Forschungsförderung (»KI-Frühling«) einerseits und enttäuschten Erwartungen samt gesunkenem öffentlichem Interesse (»KI-Winter«) andererseits. In den 2020er-Jahren verzeichnen wir nun einen neuen »KI-Hype«, der wesentlich getrieben ist durch die öffentliche Verfügbarkeit generativer KI-Tools (Döring, 2023).
Gemäß dem Modell des Hype Cycle (Gartner, 2023) münden mit dem Hype verbundene Begeisterung und überzogene Erwartungen schnell in Enttäuschungen, sobald Grenzen und Gefahren einer neuen Technologie greifbarer werden. Und gerade wenn es um sexuelle Einsatzformen innovativer Technologien geht, haben viele Menschen Bedenken, weil es sich für sie falsch anfühlt, Intimität mit Maschinen zu koppeln. So war auch das Aufkommen der Internet-Sexualität in den 1990er-Jahren mit großen Ängsten und Vorbehalten verbunden (Döring, 2009). Doch nationale und internationale Daten zeigen inzwischen, dass die meisten Menschen mehr positive als negative Effekte der Internet-Sexualität erleben (Döring & Mohseni, 2018). Wird der Umgang mit KI-Sexualität auch diesen Verlauf nehmen?
Fragestellungen des »SEX:AI«-Projekts
Im Rahmen des »SEX:AI«-Projekts werden vier verschiedene sexualbezogene Einsatzformen der generativen KI im Alltag differenziert, um jeweils deren Chancen und Risiken abwägen zu können (Döring et al., 2025):
- KI-generierte sexuelle Informationen: Mit welchen sexuellen Fragen wenden sich Menschen an KI-Tools wie »ChatGPT«, »Gemini«, »Claude«, »DeepSeek« oder »My AI« (siehe Abbildung 1)? Welche Qualität haben die KI-generierten Antworten? Und wie gehen verschiedene Bevölkerungsgruppen mit den KI-Antworten um, d. h., unter welchen Umständen vertrauen oder misstrauen sie ihnen?
- KI-gestützte sexuelle Beratung und Therapie: Welches Potenzial haben KI-Tools, wenn es nicht um sexuelle Einzelfragen, sondern um komplexere Beratungs- oder Therapieprozesse geht, bei denen ein höheres Maß an Empathie gefragt ist? Wie erleben Klient*innen und Patient*innen Sitzungen mit KI-Therapeut*innen? Wie bewerten Fachkräfte dokumentierte beraterische und therapeutische Dialoge zwischen Mensch und KI?
- Sexuelle Interaktionen mit KI-Agenten: KI-Agenten können die Rolle von virtuellen Freund*innen und Liebhaber*innen einnehmen. Bekannt ist beispielsweise die seit 2017 verfügbare App »Replika« (von Luka Inc.), zu der viele Menschen intensive, teilweise langjährige romantische und sexuelle Beziehungen aufgebaut haben. Für welche Personengruppen sind intime Kontakte und Beziehungen mit einer KI von Interesse? Und wie wirken sich KI-Beziehungen auf zwischenmenschliche Beziehungen aus? Wann stellen sie eine hilfreiche Ergänzung oder Überbrückung und wann einen problematischen Ersatz dar?
- KI-generierte Pornografie: Mit KI-Tools lässt sich rein fiktionales, sexuell explizites Text-, Audio- und Bildmaterial erzeugen (»synthetische Pornografie«). Das bietet neue Möglichkeiten, sexuelle Fantasien darzustellen: Die synthetische Pornografie erlaubt es, sexuelle Klischees noch weiter zu überspitzen oder aber zu überwinden. Wer produziert und nutzt welche Formen der synthetischen Pornografie und inwiefern bekräftigen oder erweitern sie sexuelle Stereotype? Darüber hinaus können KI-Technologien der Bildbearbeitung eingesetzt werden, um Merkmale realer Personen (Gesicht, Stimme) täuschend echt in pornografisches Bildmaterial zu integrieren, meist ohne Einverständnis der Betroffenen (»Deep-Fake-Pornografie«). Deep-Fake-Pornografie ist weltweit zu einem großen Problem geworden, wobei insbesondere Mädchen und Frauen viktimisiert werden. Welche technischen, rechtlichen und erzieherischen Maßnahmen sind wirksam, um die Erzeugung und Verbreitung von nicht-konsensueller Deep-Fake-Pornografie zu verhindern?
Fazit
Gemäß dem Modell des Hype Cycle (Gartner, 2023) wird es in den nächsten Jahren darum gehen, überzogene Erwartungen und damit verbundene Enttäuschungen bezüglich generativer KI zu überwinden und realitätsbezogene, produktive Nutzungsformen zu entwickeln. Damit verbunden sind weitere Fragen: Welche technischen Schutzmechanismen und rechtlichen Regelungen wird es brauchen, und welche sexualbezogenen KI-Kompetenzen sollte die Bevölkerung entwickeln, um zielführend und sozialverträglich mit den neuen Tools umgehen zu können? Das »SEX:AI«-Projekt will zur nuancierten Beantwortung dieser Fragen beitragen.
Fußnote
1 Projekt-Website: https://www.tu-ilmenau.de/mpmk/forschung/sexai
2 Auf Wunsch der Autorin wird der Gender-Stern verwendet.
Zitation
Döring, N. (2025). Zur Bedeutung Künstlicher Intelligenz für die sexuelle Gesundheit, FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung: Informationsdienst des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 1, 128–131.
Download Zitation (RIS)Veröffentlichungsdatum
Literatur
Döring, N. (2009). The Internet‘s Impact on Sexuality. A Critical Review of 15 Years of Research. Computers in Human Behavior, 25(5), 1089–1101. https://doi.org/10.1016/j.chb.2009.04.003
Döring, N. (2017). Sexualaufklärung im Internet: Von Dr. Sommer zu Dr. Google. Bundesgesundheitsblatt, 60(9), 1016–1026. https://doi.org/10.1007/s00103-017-2591-0
Döring, N. (2023). Fifty Shades of ChatGPT: Aktueller Diskussions- und Forschungsstand zu Sex und künstlicher Intelligenz. Zeitschrift für Sexualforschung, 36(03), 164–175. https://doi.org/10.1055/a-2142-9527
Döring, N. (2025). Jugendsexualität und Künstliche Intelligenz. Empfehlungen für die Sexual- und Medienpädagogik. merz | medien + erziehung, 69(1), 53–64. https://doi.org/10.21240/merz/2025.1.14
Döring, N., & Mohseni, R. (2018). Are Online Sexual Activities and Sexting Good for Adults‘ Sexual Well-Being? Results from a National Online Survey. International Journal of Sexual Health, 30(3), 250–263. https://doi.org/10.1080/19317611.2018.1491921
Döring, N., Le, T. D., Vowels, L., Vowels, M., & Marcantonio, T. (2025). The Impact of Artificial Intelligence on Human Sexuality: A Five-Year Literature Review 2020-2024. Current Sexual Health Reports 17, 1–39. https://doi.org/10.1007/s11930-024-00397-y
Gartner (2023). Was gibt es Neues im Gartner Hype Cycle 2023 für neue Technologien? Online-Dokument. https://www.gartner.de/de/artikel/was-ist-neu-im-2023-gartner-hype-cycle-fuer-neue-technologien
McCarthy, J., Minsky, M.L., Rochester, N., & Shannon, C.E. (1955). A Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence. Online-Dokument. http://jmc.stanford.edu/articles/dartmouth/dartmouth.pdf
Alle Links und Literaturangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.
Prof. Dr. Nicola Döring ist Professorin für Medienpsychologie und Medienkonzeption an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Medien der Technischen Universität Ilmenau.
Kontakt: nicola.doering(at)tu-ilmenau.de
Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.
Herausgebende Institution
Artikel der Gesamtausgabe
- Sexualisierte Gewalt im Netz – die größte Herausforderung der kommenden Jahre
- Sexualisierte Gewalt als Thema der schulischen Sexualaufklärung
- Bystander-Prävention bei sexualisierter Peer-Gewalt. Das Projekt »CHAT«
- Hürden des Eingreifens bei sexualisierter Peer-Gewalt. Empirische Erkenntnisse zur Bystander-Prävention
- »Lieben lernen – Lieben lehren!«
- »SOSdigital« – ein Online-Fortbildungsangebot
- Junge Menschen mit Taubheit oder Schwerhörigkeit im Fokus sexueller Aufklärung
- Die »ViContact«-Trainings: Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
- Sexualisierte Gewalt beobachten – empirische Befunde aus drei repräsentativen Studien
- »Ich sag dir was« – »ich hör dir zu«: Peer Disclosure nach sexualisierter Peer-Gewalt
- Prävention von sexualisierter Gewalt im Sport: Vorstellung des Projekts »Safe Clubs«
- »PEERS München«: Junge Männer* beziehen Stellung zu Selbstbestimmung und Gleichberechtigung
- Peers als Bystander motivieren und stärken. Erfahrungen aus einem Präventionsworkshop
- Die Stufen der Sexualität – ein entwicklungsorientiertes, emotionsfokussiertes, kindzentriertes Modell der sexuellen Entwicklung und Sexualerziehung von der Geburt bis zum Erwachsenenalter
- Partizipation im Kontext sexualisierter Gewalt und schulischer Schutzkonzepte
- Eine explorative Studie zur sexuellen und romantischen Sozialisation von jungen LSBTIQ*
- Pornografie im Alltag und in der Sexuellen Bildung von Jugendlichen
- Zur Bedeutung Künstlicher Intelligenz für die sexuelle Gesundheit
- Für Gleichstellung und Prävention sexuell übergriffigen Verhaltens unter Gleichaltrigen
- Die Bystander-Perspektive bei sexualisierter Gewalt in der Jugendsexualitätsstudie
- Schutzkonzepte partizipativ in der Peer Community entwickeln
- Erfassung, Analyse und Aufbereitung von sexualpädagogischen Bildungsmedien für junge Menschen mit Behinderung
- Infothek