Die Bystander-Perspektive bei sexualisierter Gewalt in der Jugendsexualitätsstudie
Jugendsexualitätsstudie 10. Welle
- Artikel
- Bibliografische Daten
- Autorinnen/Autoren
- Gesamtausgabe
- Forschungsprojekt
Hintergrund
Die ehemalige Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), im Februar 2025 umbenannt in Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), führt seit 1980 in regelmäßigen Abständen die repräsentative Wiederholungsstudie zum Thema Jugendsexualität durch, bei der Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 25 Jahren zu Themen wie erste sexuelle Erfahrungen, Verhütungswissen und -verhalten sowie Sexualaufklärung in Schule, Internet und Elternhaus befragt werden. Der Themenbereich sexualisierte Gewalt wird seit 2001 erfasst und ist bereits in der letzten Welle aus dem Jahr 2019 erheblich ausgebaut worden. Neben körperlichen Gewalterfahrungen wurden in Anlehnung an die »Speak!«-Studie (Maschke & Stecher, 2018) nichtkörperliche Gewalterfahrungen aus der Perspektive junger Menschen erfasst, so zum Beispiel (non)verbale Beleidigungen mit oder ohne Einsatz digitaler Medien (Erkens et al., 2021). Es hat sich unter anderem gezeigt, dass im Jugendalter übergriffiges Verhalten durch Gleichaltrige erheblich häufiger vorkommt als durch Erwachsene. Dies deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien zu sexualisierter (Peer-)Gewalt (u. a. Hofherr, 2017; Maschke & Stecher, 2018).
In der aktuell laufenden repräsentativen Wiederholungsbefragung »10. Welle Jugendsexualität« wird nun erstmals auch die Rolle von Bystandern vor, während und nach sexualisierten Grenzverletzungen, Übergriffen und Gewalt in den Blick genommen. Gerade im Jugendalter sind häufig andere Jugendliche in (sich anbahnenden) Übergriffsituationen anwesend bzw. erfahren im Nachgang davon (Maschke & Stecher, 2018; Erkens et al., 2021). Sie können demnach nicht nur Zeugen oder Mitwissende sein, sondern auch Adressierte im Rahmen von Disclosure-Prozessen (Hofherr, 2017; Maschke & Stecher, 2018; Erkens et al., 2021; Helfferich et al., 2021; Banyard, 2011; Gulowski et al., 2023). Die aktuelle Befragung ermöglicht es nun erstmals, repräsentative Daten zur Rolle jugendlicher und erwachsener Bystander bei sexualisierter (Peer-)Gewalt aus der Perspektive junger Menschen in Deutschland zu gewinnen. Erste Ergebnisse liegen voraussichtlich Ende 2025/Anfang 2026 vor. Diese dienen als Grundlage dafür, Jugendliche, Eltern und Fachkräfte bei der Aufklärungs- und Präventionsarbeit zu unterstützen.
Das Vorgehen
Seit über 40 Jahren wird die Querschnittbefragung zur Jugendsexualität regelmäßig repliziert, wobei das methodische Grundgerüst weitgehend unverändert blieb (Scharmanski & Hessling, 2021). Die Datenerhebung der zehnten Welle wird im Auftrag des BIÖGs (ehemalige BZgA) durch das sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut Verian mit der CAPI-Methode (Computer-Assisted Personal Interviewing) als kombiniert mündlich-schriftliche Interviews durchgeführt. Der Mantelfragebogen wird im Face-to-Face-Interview eingesetzt, wobei intimere Fragen wie zu Gewalterfahrungen von den Befragten am Laptop selbst ausgefüllt werden. Seit Februar 2025 werden rund 3.500 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren sowie etwa 2.250 junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren in ganz Deutschland befragt. Teils werden auch die Eltern der befragten Jugendlichen um eine Einschätzung gebeten.
Eine Schulung vor der Erhebungsphase sowie eine Supervision währenddessen stellen sicher, dass die Befragung altersangemessen, kultursensibel und empathisch durchgeführt wird sowie bei Bedarf Informationen und Unterstützungsangebote bereitgestellt werden. Alle Befragten werden im Vorfeld umfassend über Ziel und Zweck der Studie sowie die Datenverarbeitung schriftlich und mündlich aufgeklärt. Die Befragung ist freiwillig und erfolgt nur nach Einwilligung. Die Datenerhebung und -verarbeitung erfüllt die aktuell gültigen Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Die Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) hat die Befragung der Jugendlichen umfassend geprüft (Ethikvotum vom 05.11.2024).
Der Fragebogen
Der Fragebogenteil zu den Erfahrungen junger Menschen mit sexualisierten Grenzverletzungen, Übergriffen und Gewalt wurde im Zuge der zehnten Wiederholungsbefragung erweitert und angepasst. Dies umfasst unter anderem Fragen zu Gewalterfahrungen mit und ohne direkten Körperkontakt sowie zu der Anzahl, dem Alter, dem Geschlecht sowie der Beziehung zu den Tatpersonen bei der ersten Gewalterfahrung. Betroffene Personen werden außerdem danach befragt, inwiefern der Übergriff im Beisein oder mit Kenntnis anderer (Erwachsene, Jugendliche, Kinder) stattfand.
Auch der Disclosure-Prozess wird in den Blick genommen, insbesondere der Zeitpunkt der Offenlegung, die adressierten Personen sowie die Bewertung ihrer Reaktionen. Falls das Erlebte nicht offengelegt wurde, werden mögliche Gründe erfragt.
- »Haben Sie jemandem von diesem Erlebnis erzählt?« (z. B. »ja, direkt danach«, »ja, aber erst einige Wochen/Monate später«)
- »Wem haben Sie davon erzählt?« (z. B. »jemandem aus meinem Freundeskreis«)
- »Alles in allem gesehen – hat Ihnen das Gespräch/haben Ihnen diese Gespräche geholfen?«
- »Was hat Sie veranlasst, mit niemandem zu sprechen?« (z. B. »Ich habe mich geschämt«, »Ich hatte Angst vor Rache«)
Darüber hinaus werden alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach eigenen Bystander-Erfahrungen gefragt:
- »Haben Sie schon einmal selbst mitbekommen, dass eine andere Person zu sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen wurde?«
Die Antwortmöglichkeiten erlauben Rückschlüsse auf den Zeitpunkt sowie den Disclosure-Prozess (Mehrfachnennungen möglich): »nein, so was habe ich nicht mitbekommen«, »ja, ich habe es selbst gesehen/war in der Situation dabei«, »ja, die betroffene Person hat es mir erzählt«, »ja, die Tatperson hat es mir erzählt«, »ja, andere Personen, die davon mitbekommen haben, haben es mir erzählt«.
Der auf diese Weise überarbeite Fragebogenteil schafft die Grundlage dafür, umfassende Erkenntnisse zur Rolle von Bystandern vor, während und nach sexualisierten Grenzverletzungen, Übergriffen und Gewalt aus der Perspektive junger Menschen in Deutschland zu gewinnen. Die Ergebnisse können dann unter anderem für die Ausgestaltung von Maßnahmen zur Bystander-Prävention genutzt werden.
Zitation
Scharmanski, S., & Dinger, L. (2025). Die Bystander-Perspektive bei sexualisierter Gewalt in der Jugendsexualitätsstudie, FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung: Informationsdienst des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 1, 134–136.
Download Zitation (RIS)Veröffentlichungsdatum
Literatur
Banyard, V. (2011). Who will help prevent sexual violence. Creating an ecological model of bystander intervention. Psychology of Violence 3(1), 216–229.
Erkens, C., Scharmanski, S., & Hessling, A. (2021). Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 64(11), 1382–1390. doi: https://doi.org/10.1007/s00103-021-03430-w
Gulowski, R., Derr, R, & Kindler, H. (2023). Peer-Disclosure. Ressourcen, Konflikte und Herausforderungen des Anvertrauens sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen. Kinder- und Jugendschutz in Wissenschaft und Praxis (KJug) 68(4), 150–155, URL: https://www.kjug-zeitschrift.de/de/Artikel/6108
Helfferich, C., Doll, D., Feldmann, J, & Kavemann, B. (2021). Sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen als Frage von Macht, Geschlecht und sozialer Einbindung in Gruppen – eine qualitative Rekonstruktion. ZSE – Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation (1), 26–41.
Hofherr, S. (2017). Wissen von Schülerinnen und Schülern über sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten. Kurzbericht über zentrale Ergebnisse. München: DJI.URL: https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2017/hofherr_schuelerwissen_sexuelle_gewalt.pdf
Maschke, S., & Stecher, L. (2018). Sexuelle Gewalt. Die Erfahrungen Jugendlicher heute. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
Scharmanski, S., & Hessling, A. (2021). Sexual- und Verhütungsverhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Aktuelle Ergebnisse der Repräsentativbefragung Jugendsexualität. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 64(11), 1372–1381. doi: https://doi.org/10.1007/s00103-021-03426-6
Alle Links und Literaturangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.
Dr. Sara Scharmanski leitet das Referat S3 – Aufgabenkoordinierung, Nationale und internationale Zusammenarbeit, Forschung und Fortbildung der Abteilung S – Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung im Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), ehemals Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) kommissarisch.
Kontakt: sara.scharmanski(at)bioeg.de
Luise Dinger ist wissenschaftliche Referentin im Referat S3 – Aufgabenkoordinierung, Nationale und internationale Zusammenarbeit, Forschung und Fortbildung der Abteilung S – Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung im Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), ehemals Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
Kontakt: luise.dinger(at)bioeg.de
Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.
Herausgebende Institution
Artikel der Gesamtausgabe
- Sexualisierte Gewalt im Netz – die größte Herausforderung der kommenden Jahre
- Sexualisierte Gewalt als Thema der schulischen Sexualaufklärung
- Bystander-Prävention bei sexualisierter Peer-Gewalt. Das Projekt »CHAT«
- Hürden des Eingreifens bei sexualisierter Peer-Gewalt. Empirische Erkenntnisse zur Bystander-Prävention
- »Lieben lernen – Lieben lehren!«
- »SOSdigital« – ein Online-Fortbildungsangebot
- Junge Menschen mit Taubheit oder Schwerhörigkeit im Fokus sexueller Aufklärung
- Die »ViContact«-Trainings: Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
- Sexualisierte Gewalt beobachten – empirische Befunde aus drei repräsentativen Studien
- »Ich sag dir was« – »ich hör dir zu«: Peer Disclosure nach sexualisierter Peer-Gewalt
- Prävention von sexualisierter Gewalt im Sport: Vorstellung des Projekts »Safe Clubs«
- »PEERS München«: Junge Männer* beziehen Stellung zu Selbstbestimmung und Gleichberechtigung
- Peers als Bystander motivieren und stärken. Erfahrungen aus einem Präventionsworkshop
- Die Stufen der Sexualität – ein entwicklungsorientiertes, emotionsfokussiertes, kindzentriertes Modell der sexuellen Entwicklung und Sexualerziehung von der Geburt bis zum Erwachsenenalter
- Partizipation im Kontext sexualisierter Gewalt und schulischer Schutzkonzepte
- Eine explorative Studie zur sexuellen und romantischen Sozialisation von jungen LSBTIQ*
- Pornografie im Alltag und in der Sexuellen Bildung von Jugendlichen
- Zur Bedeutung Künstlicher Intelligenz für die sexuelle Gesundheit
- Für Gleichstellung und Prävention sexuell übergriffigen Verhaltens unter Gleichaltrigen
- Die Bystander-Perspektive bei sexualisierter Gewalt in der Jugendsexualitätsstudie
- Schutzkonzepte partizipativ in der Peer Community entwickeln
- Erfassung, Analyse und Aufbereitung von sexualpädagogischen Bildungsmedien für junge Menschen mit Behinderung
- Infothek