»PEERS München«: Junge Männer* beziehen Stellung zu Selbstbestimmung und Gleichberechtigung
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»PEERS München« heißt das Projekt, das seit 2011 in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt München besteht und bis 2025 »Heroes München« hieß. »PEERS« versteht sich als antirassistisches Projekt der gendersensiblen Jugendarbeit, mit besonderem Fokus auf die Jungen*arbeit.
PEERS München1 bietet jungen Männern*2 und Jungen* mit familiärer Migrationsgeschichte die Möglichkeit, eine etwa einjährige Ausbildung zum ehrenamtlichen »PEERS«-Multiplikator* zu machen, um Workshops für andere Jugendliche zu den Themen Gewalt, Rollenbilder, Menschenrechte, Vorurteile, Gleichberechtigung und Diskriminierung peer to peer anzuleiten. Die Ausbildung beinhaltet eine reflexive Auseinandersetzung mit den Themen sowie ein intensives Training in Theatertechniken und Gesprächsführung. Nach Ende dieser Ausbildungsphase erhalten die Jugendlichen ein Zertifikat, das sie berechtigt, »PEERS«-Workshops an Schulen und Jugendeinrichtungen durchzuführen. Ein Workshop wird immer von zwei bis drei »PEERS«-Multiplikatoren* gemeinsam angeleitet, die zusätzlich von einer pädagogischen Fachkraft aus dem Team unterstützt werden.
Mitmachen: Reflexion und Engagement
Sich im Alter von 15 bis 21 Jahren einmal wöchentlich und an Wochenenden zu einer Ausbildung als Ehrenamtlicher in einem Projekt mit anderen Jungen* zu treffen ist keine Selbstverständlichkeit. Die Ausbildung bei »PEERS« ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit großen gesellschaftlichen Themen und einer Reflexion seiner eigenen Position innerhalb verschiedener Realitäten und Strukturen. Dabei werden vor allem Zusammenhänge in unserer Gesellschaft in den Blick genommen, die geprägt sind von ungleichen Machtverhältnissen, Abhängigkeiten, Diskriminierungen und Privilegien.
Demokratische Grundwerte wie Respekt, Vielfalt, Gleichberechtigung und ein offener Dialog begleiten die »PEERS«-Ansätze fortlaufend. Dabei soll »PEERS« jedoch bewusst auch kein Ort der Erziehung zu einer »richtigen« Haltung sein, sondern ein Ort des Austauschs und Perspektivwechsels. Die meisten Jungen* in der Ausbildung teilen das Gefühl, in unterschiedlichen Realitäten zu Hause zu sein. Viele müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie in ihrer Familie oft ganz andere Erwartungen und Haltungen erleben als in der Schule, Ausbildung oder im Berufsalltag. Sie haben in dem Projekt die Möglichkeit, ihre eigenen Zugänge zu finden und diese in einem geschützten Rahmen mit Menschen zu reflektieren, die diese Erfahrungen teilen.
Für viele Jungen* ist es das erste Mal, dass sie sich wirklich intensiv zu Themen wie Gewalt, Rollenbilder, Beziehung, Familie, Werte und Sexualität beschäftigen. Unterstützt werden die Jugendlichen in der Ausbildungsphase von den pädagogischen Fachkräften des »PEERS«-Teams und den bereits ausgebildeten Multiplikatoren*: Sie sind Vorbilder und Dialogpartner*innen.
Die Teilnahme an der Ausbildung ist freiwillig. Wer die Ausbildung abbrechen möchte, darf das jederzeit tun. Zu Beginn einer Ausbildungsphase ist die Fluktuation daher meist hoch, denn nicht alle sind offen für die Themen, die besprochen werden. Viele kommen einige Male und entscheiden sich dann doch, dass es (noch) nichts für sie ist oder ihre Lebensumstände es nicht zulassen, regelmäßig teilzunehmen. Bisher wurden neun Gruppen ausgebildet, im Durchschnitt sieben Jungen* pro Gruppe. Diejenigen, die bleiben und mit einem Zertifikat abschließen, sind meistens sehr lange mit dabei. Denn neben der Möglichkeit, zu lernen, wie man Workshops vor Klassen anleitet, wie man sich gegen patriarchale Strukturen und Gewalt stellen und dabei ein Vorbild für viele andere Jugendliche sein kann, entstehen auch langjährige Freundschaften.
Manche der ehrenamtlichen Multiplikatoren* sind schon seit über zehn Jahren im Projekt aktiv. Sie nehmen dann mit der Zeit verstärkt eine Vorbildrolle für die Jungen* der neuen Ausbildungsgruppen an. Denn neben der Ausbildung für die Anwärter der »PEERS«-Multiplikatoren* spielt auch die Begleitung der bereits ausgebildeten Jungen* und jungen Männer* eine zentrale Rolle im Projekt: Reflexion und Dialog, gemeinsame Auseinandersetzung mit aktuellen Themen und Diskursen sind ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Das gilt auch für die pädagogischen Fachkräfte des »PEERS«-Teams.
Dabeibleiben: Gemeinsam für Gleichberechtigung
Es ist ein kühler, nebliger Wintermorgen. Vor dem Haupteingang einer Schule in München begrüßen sich drei junge Männer mit Handschlag. Ali (20), Mohamad (24) und Arlon (16) sind ehrenamtliche Multiplikatoren von »PEERS« München. Sie geben Workshops an Schulen für andere Jugendliche zu Themen, für die im Alltag oft nur wenig Zeit bleibt.
Gemeinsam mit Yuliya, einer pädagogischen Fachkraft aus dem »PEERS«-Team, betreten sie das Schulgebäude. Heute halten sie einen Workshop in einer 9. Klasse. Die drei schmunzeln, als sie hören, die Klassenleitung habe gesagt, es sei eine sehr unruhige Klasse. »Das wird sicher ein guter Workshop. Schwierige Klassen für Lehrkräfte haben meistens richtig viel Lust auf den Workshop«, grinst Ali. Sie wollen die nächsten Stunden gemeinsam mit anderen Jugendlichen über Gewalt, Rollenbilder, Gleichberechtigung, Diskriminierung und Vorurteile sprechen. Schwierige und anstrengende Themen, die viel Konzentration fordern und die nur funktionieren, wenn die Klasse mitmacht.
Im Klassenzimmer wird ein Stuhlkreis gebildet. Die drei »PEERS«-Multiplikatoren* stellen sich vor, machen ein kleines Spiel, um die Schüler*innen etwas kennenzulernen, das Eis zu brechen. Dann beginnen sie mit einem Rollenspiel den Einstieg ins Gespräch mit der Klasse.
Die Schüler*innen nehmen das neue Setting schnell an, und meistens ist der Einstieg in vermeintlich schwierige Themen schneller da, als man es sich vorstellen kann. Die »PEERS«-Multiplikatoren* moderieren das Gespräch und stellen Fragen. Sie hören den Jugendlichen zu. Auch diesmal beteiligt sich die Klasse intensiv, nutzt den Raum, um zu diskutieren und Fragen zu stellen. Ali hat die Klasse richtig eingeschätzt. Die Schüler*innen spüren das ehrliche Interesse der »PEERS«-Multiplikatoren*, sich mit ihnen über schwierige Fragen zu unterhalten. »PEERS« in den Workshops erreichen möchte: zum Nachdenken anregen und die Jugendlichen ermutigen, Dinge zu hinterfragen.
Die Workshops mit »PEERS« sollen ein Ort sein, an dem jeder seine eigenen Gedanken, Annahmen und Gefühle äußern darf. Es gibt keine »richtigen« und »falschen« Antworten. Das ist eine der wenigen Gesprächsregeln, die die »PEERS«-Multiplikatoren* zu Beginn des Workshops festlegen. Und diese stehen im Kontrast zum sonstigen Schulalltag. So entsteht ein Raum des Miteinanders und des Austauschs auf Augenhöhe.
Warum engagieren sich Jungen* für Gleichberechtigung? Wie ist das mit der Rollenaufteilung? Können Mütter tatsächlich immer besser trösten? Wie gehe ich damit um, wenn jemand meine Meinung nicht teilt? Was ist Ehre? Was ist Gewalt, Diskriminierung, Rassismus? Und was bedeutet eigentlich Gleichberechtigung? Zeitweise stellen sich die Jugendlichen in der Klasse gegenseitig Fragen, diskutieren unterschiedliche Meinungen und Einstellungen. In solchen Momenten sind die »PEERS«-Multiplikatoren* zu Recht zufrieden, sie wissen, sie haben die Klasse am richtigen Punkt abgeholt.
Manchmal können die Antworten und Ansichten der Schüler*innen sehr extrem sein. Einem Jugendlichen kommen nur Schimpfwörter über die Lippen, wenn er an Liebe und Beziehung außerhalb heteronormativer Realitäten denkt. Es fällt schwer, nicht sofort »Stopp!« zu rufen und zu intervenieren. Mohamad fragt ihn ruhig, was das denn mit ihm persönlich zu tun habe, wenn eine andere Person eine andere Vorstellung von Liebe habe als er. Der Workshop-Teilnehmer zuckt mit den Achseln, er fragt Mohamad, ob er das denn nicht komisch fände. Mohamad erwidert ihm seine Sicht auf die Dinge und der Junge hört ihm zu.
Der Workshop dauert nur wenige Stunden, aber die drei Ehrenamtlichen schaffen es, die Jugendlichen in der Klasse zum Nachdenken anzuregen. Als sie sich verabschieden und das Klassenzimmer verlassen, hören sie, wie eine Gruppe immer noch angeregt über ein Thema spricht. Genau das ist es, was »PEERS« in den Workshops erreichen möchte: zum Nachdenken anregen und die Jugendlichen ermutigen, Dinge zu hinterfragen.
Weitergehen
Natürlich gibt es in jedem Workshop auch Teilnehmende, die man nicht erreichen kann, die sich mit den Themen (noch) nicht auseinandersetzen wollen. Aber sie haben nun erfahren, dass es einige gibt, die sich mit Themen wie Rollenbilder, Gewalt und Gleichberechtigung beschäftigen.
Diskriminierungskritisches und gendersensibles Denken sollten Querschnittsthemen im Schulalltag sein, die von allen pädagogischen Fachkräften mitgedacht und mitreflektiert werden. In dieser Hinsicht gibt es leider noch viel Bedarf. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass auch Lehrpersonal und Sozialarbeitende diese Themen für sich und für alle Jugendlichen aktiv in den Schulalltag integrieren. Oftmals gibt es zu diesen Themen große Unsicherheiten seitens der pädagogischen Fachkräfte und es wird mit Verboten und Bestrafungen auf undemokratische Verhaltensweisen der Jugendlichen reagiert. Das hat allerdings oft zur Folge, dass sich Jugendliche nicht gehört fühlen und sich extreme Positionen noch verhärten können. Wirklich nachhaltig können sich die Workshops nur gestalten, wenn an den Schulen auch im Alltag Räume für Auseinandersetzung zu Themen wie Gewalt, Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und Diskriminierungen aller Art geschaffen werden und Kommunikation entsteht. Nur so können Jugendliche und Fachkräfte lernen, mit Ambiguitäten umzugehen.
»PEERS« bietet den ehrenamtlichen Jungen* und jungen Männern* im Projekt die Möglichkeit, sich aktiv für Dialog und Gleichberechtigung einzusetzen. Sie werden darin unterstützt, Privilegien und Belastungen für Männer* und Frauen* durch patriarchale Strukturen zu erkennen und zu benennen, um so Diskriminierung aktiv entgegenstehen zu können. Die langjährigen Bindungen mit »PEERS«-Multiplikatoren* bestätigen, welche zentrale Rolle das Projekt bei vielen spielt. Manche Lebensphasen wie Studium oder Beruf schränken das ehrenamtliche Engagement ein, dennoch bleibt eine Verbundenheit mit dem Projekt bei vielen bestehen. Das zeigt sich, wenn zum Beispiel einer der Multiplikatoren* nach einem Workshop auf jemanden aus dem Team zugeht und eröffnet, dass er sich nun doch entschieden habe, Soziale Arbeit zu studieren, weil er gemerkt habe, dass die ehrenamtliche Tätigkeit bei »PEERS« ihm sehr wichtig ist. Oder wenn sich nach Jahren jemand aus einer der ersten Ausbildungsgruppen meldet und erzählt, dass er gerade in Elternzeit sei und er abends gerne wieder mal einen Workshop übernehmen könne. Das sind die besonderen Momente eines Peer-to-Peer-Projekts.
Fußnoten
1 Bis 31.12.2024 hieß das Projekt »Heroes München« und war Teil des deutschlandweiten Heroes-Netzwerks. Seit 1.1.2025 sind wir immer noch partnerschaftlich, aber nicht mehr vertraglich mit dem Netzwerk verbunden.
2 Auf Wunsch der Autorin wird in diesem Beitrag der Gender-Stern verwendet.
Zitation
Königstein, A. (2025). »PEERS München«: Junge Männer* beziehen Stellung zu Selbstbestimmung und Gleichberechtigung, FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung: Informationsdienst des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 1, 81–84.
Download Zitation (RIS)Veröffentlichungsdatum
Anna Königstein leitet seit fünf Jahren das Projekt »PEERS – supported by Heroes« in München. Sie studierte Internationale Entwicklung mit Schwerpunkt Vergleichende Religionswissenschaften sowie Soziale Arbeit (BA) und ist ausgebildete Mediatorin.
Kontakt: anna.koenigstein(at)awo-muenchen.de
Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.
Herausgebende Institution
Artikel der Gesamtausgabe
- Sexualisierte Gewalt im Netz – die größte Herausforderung der kommenden Jahre
- Sexualisierte Gewalt als Thema der schulischen Sexualaufklärung
- Bystander-Prävention bei sexualisierter Peer-Gewalt. Das Projekt »CHAT«
- Hürden des Eingreifens bei sexualisierter Peer-Gewalt. Empirische Erkenntnisse zur Bystander-Prävention
- »Lieben lernen – Lieben lehren!«
- »SOSdigital« – ein Online-Fortbildungsangebot
- Junge Menschen mit Taubheit oder Schwerhörigkeit im Fokus sexueller Aufklärung
- Die »ViContact«-Trainings: Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
- Sexualisierte Gewalt beobachten – empirische Befunde aus drei repräsentativen Studien
- »Ich sag dir was« – »ich hör dir zu«: Peer Disclosure nach sexualisierter Peer-Gewalt
- Prävention von sexualisierter Gewalt im Sport: Vorstellung des Projekts »Safe Clubs«
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- Peers als Bystander motivieren und stärken. Erfahrungen aus einem Präventionsworkshop
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- Partizipation im Kontext sexualisierter Gewalt und schulischer Schutzkonzepte
- Eine explorative Studie zur sexuellen und romantischen Sozialisation von jungen LSBTIQ*
- Pornografie im Alltag und in der Sexuellen Bildung von Jugendlichen
- Zur Bedeutung Künstlicher Intelligenz für die sexuelle Gesundheit
- Für Gleichstellung und Prävention sexuell übergriffigen Verhaltens unter Gleichaltrigen
- Die Bystander-Perspektive bei sexualisierter Gewalt in der Jugendsexualitätsstudie
- Schutzkonzepte partizipativ in der Peer Community entwickeln
- Erfassung, Analyse und Aufbereitung von sexualpädagogischen Bildungsmedien für junge Menschen mit Behinderung
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