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Studie

JuSeF: Jugendsexualität von fremduntergebrachten Jugendlichen

Perspektiven einer besonders vulnerablen Gruppe

10/2026 - 09/2029
Jugendliche, die in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe leben, wachsen unter anderen Bedingungen auf als Gleichaltrige, die in ihren Herkunftsfamilien aufwachsen. Das Projekt JuSeF schafft nun erstmals eine belastbare Datengrundlage zur sexuellen Gesundheit, sexuellen Sozialisation und zu den sexualitätsbezogenen Lebenslagen von Jugendlichen in der Heimerziehung. Methodisch knüpft das Projekt an die Studie Jugendsexualität an und ermöglicht so einen Vergleich der Ergebnisse. Ergänzt werden Fragen, die den besonderen Lebensbedingungen in stationären Hilfen Rechnung tragen.

Projektbeteiligte

Projektleitung

Prof.'in Dr. Karla Verlinden, katho NRW

Mitarbeit

Isabell Neuber, wissenschaftliche Mitarbeiterin, katho NRW 

Forschungseinrichtung

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho), Abteilung Köln

Projektförderung

Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)

Datenerhebung

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho)

Erhebungszeitraum

Oktober 2027 bis Juni 2028

Zielgruppe / Stichprobe

Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren in stationären Erziehungshilfen

  • Jugendliche im Alter von 14 bis unter 22 Jahren, die seit mindestens drei Monaten in einer Wohngruppe der stationären Kinder- und Jugendhilfe leben 
  • angestrebt rund 600 Jugendliche für die quantitative Befragung (mehrstufige Clusterstichprobe)
  • rund 100 Teilnehmende für die Gruppendiskussionen
  • bundesweite Auswahl der Einrichtungen unter Berücksichtigung von Bundesland, Trägerform und Einrichtungsgröße

Forschungsziele

Im Mittelpunkt stehen unter anderem folgende Forschungsfragen:

  • Wer sind wichtige Ansprechpersonen für fremduntergebrachten Jugendliche bei Fragen zu Sexualität und Beziehungen?
  • Welche Informationsquellen und digitalen Medien nutzen die Jugendlichen bei Fragen zu Sexualität?
  • Wie erleben sie den Einstieg in das Sexualleben und wie verhüten sie?
  • Welche Vorstellungen haben sie von Partnerschaft, Elternschaft und Familiengründung?
  • Welche Rolle spielen institutionelle Strukturen und Regeln für ihre sexuelle Entwicklung und Bildung?
  • Welche Themen und Unterstützungsangebote sind ihnen im Bereich Sexualität und sexuelle Bildung wichtig?

Methodik / Forschungsdesign

Die Studie kombiniert quantitative und qualitative Forschungsmethoden (Mixed-Methods). 

  • Quantitative Befragung: Computergestützte persönliche Interviews (CAPI) vor Ort in den Einrichtungen.
  • Anbindung an die Studie Jugendsexualität: Die Befragung nutzt Instrumente der 10. Welle und ermöglicht damit einen Vergleich der Ergebnisse.
  • Zusätzliche Themen: Ergänzt werden spezifische Fragen zur Lebenssituation in der Heimerziehung, beispielsweise zu Privatsphäre, Mediennutzung, Bezugspersonen, Gruppenform und Hilfeverläufen.
  • Qualitative Erhebung: Gruppendiskussionen geben vertiefende Einblicke in die Erfahrungen und Perspektiven der Jugendlichen sowie in die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen.
  • Zusammenführung der Ergebnisse: Die Ergebnisse beider Erhebungsmethoden werden miteinander in Beziehung gesetzt, um die quantitativen Befunde durch die Perspektiven der Jugendlichen einordnen und vertiefen zu können.

Rund 130.000 junge Menschen leben in Deutschland in stationären Wohnformen der Kinder- und Jugendhilfe. Ihre Lebenssituation ist durch besondere soziale, biografische und institutionelle Rahmenbedingungen geprägt. 

Für die sexuelle Sozialisation ist unter anderem von Bedeutung, welche Bezugspersonen Jugendlichen zur Verfügung stehen. Eltern und Familie spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sind zentrale Ansprechpersonen bei Fragen zu Sexualität und begleiten die Entwicklung sexueller Selbstbestimmung und partnerschaftlicher Kompetenzen (Dinger & Scharmanski 2026). Jugendliche, die außerhalb ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen, können auf diese familiären Bezugspersonen jedoch häufig nur eingeschränkt oder gar nicht zurückgreifen. Sie leben beispielsweise in Pflegefamilien, Einrichtungen der Heimerziehung oder anderen betreuten Wohnformen.

Hinzu kommen unterschiedliche multifaktorielle, komplexe Problemlagen, die die Biografien der Jugendlichen sowie die der Herkunftsfamilien prägen. Dazu gehören familiäre Belastungen, unsichere soziale und wirtschaftliche Verhältnisse oder psychische Erkrankungen der Eltern ebenso wie Erfahrungen von Benachteiligungen, Vernachlässigung oder (sexualisierter) Gewalt.

Aufgaben, die im familiären Umfeld häufig den Eltern zukommen, übernehmen in der Heimerziehung pädagogische Fachkräfte. Auch unterscheiden sich die Rahmenbedingungen vom Aufwachsen in der Herkunftsfamilie. Institutionelle Strukturen und Regeln können beispielsweise Privatsphäre, Beziehungen und Möglichkeiten für selbstbestimmte sexuelle Erfahrungen beeinflussen (Mantey 2015; Domann & Rusack 2016; Linke & Schuber 2026).

Für Fachkräfte ist die Begleitung sexueller Entwicklung eine anspruchsvolle Aufgabe, die häufig Unsicherheit hervorruft. Meist werden sexualitätsbezogene Themen in Einrichtungen vor allem unter (gesetzlich vorgegebenen) Präventions- und Schutzaspekten behandelt – etwa mit Blick auf Schwangerschaftsverhütung, sexuell übertragbare Infektionen oder Schutz vor sexualisierter Gewalt. Sexuelle Bildung umfasst jedoch darüber hinaus Themen wie sexuelle und geschlechtliche Identität, Beziehungen und Kommunikation sowie sexuelle Selbstbestimmung (Staats 2019; Verlinden et al. 2025).

Das aktuelle Projekt

Bislang fehlen repräsentative Daten zur sexuellen Gesundheit, sexuellen Sozialisation und zu den sexualitätsbezogenen Lebenslagen von Jugendlichen in der Heimerziehung. Damit ist nur unzureichend untersucht, wie sie ihre sexuelle Entwicklung erleben, wer für sie wichtige Ansprechpersonen sind, welche Informationsangebote sie nutzen und welche Unterstützung sie benötigen. Auch über die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen für ihre sexuelle Sozialisation ist bislang wenig bekannt.

Das Forschungsprojekt „JuSeF: Jugendsexualität von fremduntergebrachten Jugendlichen. Perspektiven einer besonders vulnerablen Gruppe“ setzt an dieser Forschungslücke an. Bundesweit werden Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren in stationären Erziehungshilfen zu ihrer sexuellen Gesundheit und sexuellen Sozialisation befragt. 

Die Untersuchung knüpft an die Studie Jugendsexualität 10. Welle an. Die dort eingesetzten Erhebungsinstrumente werden um Fragen ergänzt, die speziell die Lebenssituation in der Heimerziehung betreffen, beispielsweise zu Privatsphäre, Bezugspersonen und Hilfeverläufen. Ergänzend zur quantitativen Befragung finden Gruppendiskussionen statt. Sie sollen vertiefende Einblicke in die Erfahrungen der Jugendlichen und die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen ermöglichen.

Relevanz

Mit dem Projekt wird eine Gruppe in den Blick genommen, die in der bundesweiten Forschung zur Jugendsexualität bislang kaum berücksichtigt ist. Durch die Anbindung an die Studie Jugendsexualität können die Ergebnisse mit denen der 10. Welle verglichen werden. So lässt sich untersuchen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen, welche spezifischen Anliegen und Unterstützungsbedarfe sich bei Jugendlichen in der Heimerziehung zeigen.

Die Ergebnisse sollen eine empirische Grundlage schaffen, um die sexuelle Gesundheit und sexuelle Sozialisation von Jugendlichen in der Heimerziehung besser zu verstehen. Sie können dazu beitragen, sexualpädagogische Konzepte sowie Präventions- und Unterstützungsangebote in der stationären Kinder- und Jugendhilfe bedarfsgerecht weiterzuentwickeln und die Perspektiven der Jugendlichen stärker in Forschung und Fachpraxis einzubeziehen.

Literatur/Referenzen

Dinger, L., & Scharmanski, S. (2026). Jugendsexualität 10. Welle. Erste sexuelle Erfahrungen, Verhütung, Sexualaufklärung. BIÖG-Short-Report. Köln: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). https://doi.org/10.17623/bioeg_srh_sr_juse10_sexu-erfahrungen 

Domann, S., & Rusack, T. (2016). Wie sehen Jugendliche Gender und Sex in öffentlicher Erziehung? Rekonstruktionen der Perspektiven von Adressat*innen der Kinder- und Jugendhilfe. GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 8(3), 81–97. DOI: https://doi.org/10.3224/gender.v8i3.08

Linke, T., & Schubert, L. (2026). Leaving Care – Perspektiven auf Erfahrungen junger Menschen mit Sexualpädagogik in den stationären Erziehungshilfen. In T. Linke & J. Borchert (Hrsg.), Leaving Care: Übergänge gestalten und begleiten. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 147–165. 

Mantey, D. (2015): Sexualpädagogik in der Heimerziehung? „Ja gerne, aber ich entscheide_selbst!“. In: Sozialmagazin 40(1-2), S. 70-79.

Staats, M. (2019). Problem – Jugend – Sexualität. Die Wahrnehmung von Jugendsexualität durch Fachkräfte in der Heimerziehung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. 

Verlinden, K., Neuber, I., Renger, T., Tietze, M. L., & Ziegs, T. (2025). Jugendsexualität in der Heimerziehung – Von der Problematisierung zum differenzierten Diskurs. Ergebnisse einer fachkräftebasierten Interventionsstudie zur Steigerung der professionellen Handlungskompetenz. Jugendhilfe, 63(5), 483–492.

 

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