Rund 130.000 junge Menschen leben in Deutschland in stationären Wohnformen der Kinder- und Jugendhilfe. Ihre Lebenssituation ist durch besondere soziale, biografische und institutionelle Rahmenbedingungen geprägt.
Für die sexuelle Sozialisation ist unter anderem von Bedeutung, welche Bezugspersonen Jugendlichen zur Verfügung stehen. Eltern und Familie spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sind zentrale Ansprechpersonen bei Fragen zu Sexualität und begleiten die Entwicklung sexueller Selbstbestimmung und partnerschaftlicher Kompetenzen (Dinger & Scharmanski 2026). Jugendliche, die außerhalb ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen, können auf diese familiären Bezugspersonen jedoch häufig nur eingeschränkt oder gar nicht zurückgreifen. Sie leben beispielsweise in Pflegefamilien, Einrichtungen der Heimerziehung oder anderen betreuten Wohnformen.
Hinzu kommen unterschiedliche multifaktorielle, komplexe Problemlagen, die die Biografien der Jugendlichen sowie die der Herkunftsfamilien prägen. Dazu gehören familiäre Belastungen, unsichere soziale und wirtschaftliche Verhältnisse oder psychische Erkrankungen der Eltern ebenso wie Erfahrungen von Benachteiligungen, Vernachlässigung oder (sexualisierter) Gewalt.
Aufgaben, die im familiären Umfeld häufig den Eltern zukommen, übernehmen in der Heimerziehung pädagogische Fachkräfte. Auch unterscheiden sich die Rahmenbedingungen vom Aufwachsen in der Herkunftsfamilie. Institutionelle Strukturen und Regeln können beispielsweise Privatsphäre, Beziehungen und Möglichkeiten für selbstbestimmte sexuelle Erfahrungen beeinflussen (Mantey 2015; Domann & Rusack 2016; Linke & Schuber 2026).
Für Fachkräfte ist die Begleitung sexueller Entwicklung eine anspruchsvolle Aufgabe, die häufig Unsicherheit hervorruft. Meist werden sexualitätsbezogene Themen in Einrichtungen vor allem unter (gesetzlich vorgegebenen) Präventions- und Schutzaspekten behandelt – etwa mit Blick auf Schwangerschaftsverhütung, sexuell übertragbare Infektionen oder Schutz vor sexualisierter Gewalt. Sexuelle Bildung umfasst jedoch darüber hinaus Themen wie sexuelle und geschlechtliche Identität, Beziehungen und Kommunikation sowie sexuelle Selbstbestimmung (Staats 2019; Verlinden et al. 2025).
Das aktuelle Projekt
Bislang fehlen repräsentative Daten zur sexuellen Gesundheit, sexuellen Sozialisation und zu den sexualitätsbezogenen Lebenslagen von Jugendlichen in der Heimerziehung. Damit ist nur unzureichend untersucht, wie sie ihre sexuelle Entwicklung erleben, wer für sie wichtige Ansprechpersonen sind, welche Informationsangebote sie nutzen und welche Unterstützung sie benötigen. Auch über die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen für ihre sexuelle Sozialisation ist bislang wenig bekannt.
Das Forschungsprojekt „JuSeF: Jugendsexualität von fremduntergebrachten Jugendlichen. Perspektiven einer besonders vulnerablen Gruppe“ setzt an dieser Forschungslücke an. Bundesweit werden Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren in stationären Erziehungshilfen zu ihrer sexuellen Gesundheit und sexuellen Sozialisation befragt.
Die Untersuchung knüpft an die Studie Jugendsexualität 10. Welle an. Die dort eingesetzten Erhebungsinstrumente werden um Fragen ergänzt, die speziell die Lebenssituation in der Heimerziehung betreffen, beispielsweise zu Privatsphäre, Bezugspersonen und Hilfeverläufen. Ergänzend zur quantitativen Befragung finden Gruppendiskussionen statt. Sie sollen vertiefende Einblicke in die Erfahrungen der Jugendlichen und die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen ermöglichen.
Relevanz
Mit dem Projekt wird eine Gruppe in den Blick genommen, die in der bundesweiten Forschung zur Jugendsexualität bislang kaum berücksichtigt ist. Durch die Anbindung an die Studie Jugendsexualität können die Ergebnisse mit denen der 10. Welle verglichen werden. So lässt sich untersuchen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen, welche spezifischen Anliegen und Unterstützungsbedarfe sich bei Jugendlichen in der Heimerziehung zeigen.
Die Ergebnisse sollen eine empirische Grundlage schaffen, um die sexuelle Gesundheit und sexuelle Sozialisation von Jugendlichen in der Heimerziehung besser zu verstehen. Sie können dazu beitragen, sexualpädagogische Konzepte sowie Präventions- und Unterstützungsangebote in der stationären Kinder- und Jugendhilfe bedarfsgerecht weiterzuentwickeln und die Perspektiven der Jugendlichen stärker in Forschung und Fachpraxis einzubeziehen.
Literatur/Referenzen
Dinger, L., & Scharmanski, S. (2026). Jugendsexualität 10. Welle. Erste sexuelle Erfahrungen, Verhütung, Sexualaufklärung. BIÖG-Short-Report. Köln: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). https://doi.org/10.17623/bioeg_srh_sr_juse10_sexu-erfahrungen
Domann, S., & Rusack, T. (2016). Wie sehen Jugendliche Gender und Sex in öffentlicher Erziehung? Rekonstruktionen der Perspektiven von Adressat*innen der Kinder- und Jugendhilfe. GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 8(3), 81–97. DOI: https://doi.org/10.3224/gender.v8i3.08
Linke, T., & Schubert, L. (2026). Leaving Care – Perspektiven auf Erfahrungen junger Menschen mit Sexualpädagogik in den stationären Erziehungshilfen. In T. Linke & J. Borchert (Hrsg.), Leaving Care: Übergänge gestalten und begleiten. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 147–165.
Mantey, D. (2015): Sexualpädagogik in der Heimerziehung? „Ja gerne, aber ich entscheide_selbst!“. In: Sozialmagazin 40(1-2), S. 70-79.
Staats, M. (2019). Problem – Jugend – Sexualität. Die Wahrnehmung von Jugendsexualität durch Fachkräfte in der Heimerziehung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
Verlinden, K., Neuber, I., Renger, T., Tietze, M. L., & Ziegs, T. (2025). Jugendsexualität in der Heimerziehung – Von der Problematisierung zum differenzierten Diskurs. Ergebnisse einer fachkräftebasierten Interventionsstudie zur Steigerung der professionellen Handlungskompetenz. Jugendhilfe, 63(5), 483–492.