Nationale und internationale Studien belegen eine überdurchschnittliche Betroffenheit von Menschen mit Behinderung durch sexualisierte Gewalt. Besonders deutlich zeigt sich dies im digitalen Raum, wo mangelnde Schutzkonzepte und Zugangsbarrieren Risiken verstärken.
Als zentrale Ursache wird ein Wissens- und Informationsdefizit im Bereich Sexualaufklärung, Selbstbestimmung und Gewaltprävention diskutiert. Diese Defizite sind eng mit sprachlich-kommunikativen Barrieren verbunden, die auf mehreren Ebenen wirken:
• formelle Bildungssettings (z. B. Kita, Schule)
• informelle Bildungssettings (Familie, Peers)
• Bildungsmedien
Da Aufklärung in Familie und Schule oft unzureichend erfolgt, kommt Bildungsmedien eine besondere Bedeutung zu. Die 9. Welle der BZgA-Jugendsexualitätsstudie zeigt, dass Jugendliche das Internet als wichtigstes Medium der Wissensvermittlung nutzen. Während Jugendliche ohne Behinderung aus einer Vielzahl von Angeboten wählen können, bleibt Jugendlichen mit Behinderung der Zugang vielfach verwehrt.
Barrieren ergeben sich etwa durch fehlende Videos in Deutscher Gebärdensprache oder nicht vorhandene Untertitel. Zudem ist Schriftsprache für taube/hörbehinderte Jugendliche eine Zweitsprache, was den Zugang zusätzlich erschwert. Studien belegen auch geringere Lesekompetenzen von Jugendlichen mit Behinderung im Vergleich zu Gleichaltrigen. Bildungsmedien, die ohne Anpassung in Einfacher oder Leichter Sprache gestaltet sind, bleiben dadurch schwer nutzbar.
In den letzten Jahren entstanden erste spezifische Angebote in Deutscher Gebärdensprache, Einfacher und Leichter Sprache, die Themen wie Sexualität, Selbstbestimmung und Gewaltprävention adressieren. Eine systematische Erfassung und Dokumentation dieser Materialien fehlt jedoch bislang und würde den Transfer und die Implementierung in der Praxis erhöhen.
Literatur
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