Sachsen
frauen leben 4 – Familienplanung im Lebenslauf von Frauen
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Sachsen ist durch eine heterogene Raumstruktur gekennzeichnet: Es umfasst sowohl Ballungsräume wie Leipzig und Dresden mit einer Bevölkerung von jeweils über einer halben Million als auch dünn besiedelte, ländliche Regionen. Das Bundesland verfügt über eine breit und – im deutschlandweiten Vergleich – gut ausgebaute Infrastruktur, was die Kinderbetreuung betrifft (Betreuungsquote unter Dreijähriger: 55 %). Die Geburtenrate unterlag in den vergangenen Jahren jedoch starken Schwankungen.
Einstellungen zu Familie und Erwerbstätigkeit
- Die Mehrheit der Frauen wünscht sich Kinder, die meisten können sich aber auch ein Leben ohne Kinder vorstellen
- Familiengründung ist zunehmend weniger selbstverständlich
- Erwerbstätigkeit von Müttern ist eine Selbstverständlichkeit
- Die Einstellung zu Müttererwerbstätigkeit unterscheidet sich nach Bildungsstand
- Erwartungen an Väter sind abhängig vom Bildungsstand
Kinderwunsch ist zunehmend optional
Eigene Kinder zu haben, gehört für mehr als die Hälfte der Befragten – 57 Prozent – fest zum persönlichen Lebensentwurf dazu. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse aber auch, dass Familiengründung kein Muss, sondern ein Kann geworden ist: Jede fünfte Befragte (20 %) betrachtet den Kinderwunsch nicht als selbstverständlichen Teil des eigenen Lebensentwurfs, und 50 Prozent können sich ein glückliches Leben auch ohne Kinder vorstellen.
Der Wunsch nach Kindern ist in allen Bildungsgruppen verbreitet, doch mit zunehmendem Bildungsniveau wächst die Bereitschaft, auch Lebensentwürfe jenseits dem Muttersein als Option für ein erfülltes Leben in Betracht zu ziehen.
Mütter wollen berufstätig sein
Neun von zehn Frauen in Sachsen wünschen sich eine Berufstätigkeit (92 %), sobald die Kleinkindphase vorüber ist. Dieser Anteil steigt noch weiter an, wenn auf das Muttersein mit Schulkindern geblickt wird (99 %).
Eine deutliche Mehrheit (73 %) bevorzugt Teilzeitarbeit als das ideale Modell während der Kindergartenzeit. Der Wunsch nach einer Vollzeitstelle wächst mit zunehmenden Alter des Kindes: Sieht noch jede fünfte Befragte (18 %) eine Vollzeittätigkeit als ideal für Mütter kleiner Kinder an, so wünscht sich dies nahezu jede zweite Befragte (45 %), wenn die eigenen Kinder das Schulalter erreicht haben.
Die Bildungsqualifikation hat Einfluss darauf, ob Frauen Sorge haben, dass sich eine Erwerbstätigkeit negativ auf die Erziehung der Kinder auswirken könnte: Frauen mit niedrigerem Bildungsstand sind besorgter als diejenigen mit höheren beruflichen Qualifikationen.
Gleiche Aufgabenteilung in der Familie wird erwartet
Die Bandbreite ist groß, was die Erwartungen an die Väter und deren Beteiligung an Erwerbs- und Sorgearbeit betrifft: Jede vierte Befragte (25 %) stimmt der Aussage zu, dass Väter kleiner Kinder ihre Arbeitszeit verringern sollen. Zugleich lehnen dies fast genauso viele ab (22 %). Je höher die berufliche Qualifikation ist, desto eher bevorzugen die Frauen das Ideal der egalitären Partnerschaft.
Kinder und Eheschließung im Lebenslauf
- Vier von fünf Frauen ab 35 Jahren haben Kinder
- Die meisten Frauen sind bei Geburt ihres ersten Kindes in einer mehrjährigen Partnerschaft
- Familiengründung ist auch ohne Heirat üblich, diese wird aber häufig nachgeholt
- Frauen mit höherer Bildung bekommen ihre Kinder später
- Eine schlechte finanzielle Situation ist bei junger Mutterschaft und bei Alleinerziehenden häufiger
Familiengründung erfolgt meist in einer mehrjährigen Partnerschaft
In Sachsen haben vier von fünf Frauen (81 %) im Alter zwischen 35 und 44 Jahren Kinder. Die meisten Frauen in dieser Altersgruppe haben zwei Kinder (48 %).
Ihr erstes Kind bekommen die Frauen zu einem späteren Zeitpunkt als noch vor über einem Jahrzehnt: Im Durchschnitt sind sie mehr als ein Jahr älter (29,5 Jahre, 2012: 28,2 Jahre). Bei der ersten Geburt leben – bis auf wenige Ausnahmen – alle Befragten in einer Beziehung (97 %). Eine stabile Partnerschaft ist oft Voraussetzung für Kinder: Jede zweite Erstschwangere lebt in einer Partnerschaft, die bereits seit fünf Jahren und länger besteht (50 %).
Verheiratet sind 44 % der Mütter bei ihrem ersten Kind, mehr als die Hälfte der bis dahin noch unverheirateten Mütter geht anschließend eine Ehe ein. Die Familie mit verheirateten Eltern ist in Sachsen damit die Lebensform, in der Kinder am häufigsten leben.
Im Vergleich der Lebensformen bewerten verheiratete Frauen mit Kindern ihre finanzielle Lage am häufigsten als gut oder sehr gut. Alleinerziehende beurteilen ihre finanzielle Lage zu 36 Prozent und damit überdurchschnittlich häufig als schlecht.
Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit
- Die große Mehrheit der Mütter ist erwerbstätig
- Mit dem ersten Kind ändert sich die Aufgabenteilung in der Partnerschaft
Erwerbstätigkeit von Müttern ist selbstverständlich
Ein Großteil der Mütter sieht Berufstätigkeit als selbstverständlich an: Sieben von zehn Müttern mit Kindern unter elf Jahren sind in Sachsen erwerbstätig. Drei Viertel der Mütter (74 %) haben spätestens zwei Jahre nach der Geburt ihres jüngsten Kindes ihre Erwerbsarbeit wieder aufgenommen.
Die Arbeitsmodelle Teilzeit und Vollzeit sind fast gleichwertig vertreten: Nur wenig mehr befragte Mütter arbeiten in Teilzeit als in Vollzeit. Nach dem Bildungsniveau der Mütter unterschieden zeigen sich in Sachsen kaum Unterschiede bei der Erwerbstätigkeit und dem Erwerbsumfang.
Eine Erwerbstätigkeit verhindert jedoch nicht zwangsläufig eine angespannte finanzielle Lage: Ein Viertel (24 %) der Mütter, die ihre Finanzsituation negativ einschätzen, arbeiten 35 Stunden und mehr.
Arbeitsteilung in Partnerschaften abhängig von der Familiensituation
Die Familiengründung führt in den meisten Partnerschaften zu einer Veränderung bei den Aufgaben im Haushalt und bei der Sorgearbeit. In kinderlosen Beziehungen teilen 62 Prozent der Paare die Hausarbeit gleichberechtigt. Leben Kinder unter elf Jahren im Haushalt, organisieren nur noch 41 Prozent der Paare die Aufgaben im Haushalt egalitär. Auch unter hoch qualifizierten Müttern ist eine gleichberechtigte Aufteilung nur geringfügig häufiger.
Kinderwunsch und Gründe gegen (weitere) Kinder
- Der Kinderwunsch verändert sich im Lebenslauf
- Nur wenige Mütter möchten mehr als zwei Kinder
- Gründe gegen (weitere) Kinder unterscheiden sich je nach Kinderzahl
- Jede siebte Frau wird trotz Wunsch erst mit Verzögerung oder gar nicht schwanger
Kinderwunsch ist altersabhängig
Jede fünfte kinderlose Frau (21 %) zwischen 20 und 44 Jahren möchte grundsätzlich keine Kinder. 13 Prozent der unter 25-Jährigen schließen sich diesem Lebensentwurf ohne Kinder an. Je älter die Frauen, desto höher ist der Anteil an Frauen ohne Kinderwunsch, bei den über 40-Jährigen sind es 53 Prozent.
Der Abschluss der Familienplanung beeinflusst unter den Müttern den Kinderwunsch. Besonders bei Frauen mit zwei oder mehr Kindern überwiegt der Wunsch, kein weiteres Kind zu bekommen (75 % bzw. 67 %). Auch vier von zehn Müttern mit einem Kind plant keine Erweiterung der Familie mehr (40 %); bei den über 34-Jährigen liegt dieser Anteil bei 56 Prozent.
Gründe gegen (weitere) Kinder variieren je nach Lebenssituation
Jüngere kinderlose Frauen nennen zu gleichen Anteilen zu große Sorgen um die Zukunft wegen der vielen Krisen (40 %), finanzielle Gründe (40 %) und partnerschaftsbezogene Gründe (40 %).
Das Alter wird von Frauen mit einem Kind am häufigsten genannt (36 %), gefolgt von unzureichender Vereinbarkeit von Beruf und Familie (30 %) und finanzielle Gründe (27 %). Mütter mit zwei oder mehr Kindern begründen eine ablehnende Haltung gegenüber weiteren Kindern mit einer für sie bereits abgeschlossenen Familienplanung (64 %).
Mehr als eine von zehn Frauen (15 %) in Sachsen berichten von Phasen mit einem unerfüllten Kinderwunsch, sie haben länger als ein Jahr auf eine Schwangerschaft gewartet haben oder warten noch immer.
Ungewollte Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche
- Jede dritte Schwangerschaft war nicht beabsichtigt
- Die Reaktion auf eine unbeabsichtigte Schwangerschaft ist häufig positiv
- Ungewollte Schwangerschaften trotz Verhütung sind nicht selten
- Der Anteil ungewollter Schwangerschaften ist bei jungen Frauen höher
- Schwangerschaften bei schwieriger Partnerschaftssituation sind häufiger ungewollt
- Bei beruflicher oder finanzieller Unsicherheit sind Schwangerschaften häufiger ungewollt
- Der Anteil ungewollter Schwangerschaften steigt nach dem zweiten Kind
- Bei ungewollten Schwangerschaften zeigt sich eine Vielzahl von Gründen
- Hintergründe ungewollter Schwangerschaften verändern sich im Lebenslauf
- Die Gründe für Schwangerschaftsabbrüche verändern sich im Lebenslauf
- Bei ungewollten Schwangerschaften werden häufiger Beratungsstellen aufgesucht
Jede dritte Schwangerschaft war nicht beabsichtigt
Dreißig Prozent der über 35-jährigen Frauen in Sachsen waren mindestens einmal im Leben unbeabsichtigt schwanger. Insgesamt waren 18 Prozent aller Schwangerschaften der Befragten ausdrücklich nicht gewollt. Mehr als ein Drittel dieser ungewollten Schwangerschaften trat trotz Verhütung ein (37 %), in gut der Hälfte der Fälle (54 %) wurde nicht verhütet.
Zwölf Prozent der Frauen über 35 Jahren berichten, mindestens einmal eine Schwangerschaft beendet zu haben. Von den ungewollten Schwangerschaften wurde über die Hälfte abgebrochen (56 %).
Lebensumstände beeinflussen Schwangerschaftsintention
Ungeplante Schwangerschaften werden von den Frauen nicht nur negativ aufgenommen: Mehr als die Hälfte der Frauen (57 %), bei denen die Schwangerschaft lediglich zu früh eintrat, und selbst 20 Prozent der Frauen mit ausdrücklich ungewollten Schwangerschaften äußerten positive Gefühle.
Einige Teilgruppen sind besonders häufig von ungewollter Schwangerschaft betroffen: junge Frauen, Frauen in belasteten Partnerschaften oder schwierigen beruflich-finanziellen Situationen sowie Mütter, deren Familienplanung abgeschlossen ist. Bei unter 20-Jährigen war ein Großteil der Schwangerschaften (85 %) nicht zum Zeitpunkt hin gewollt.
Das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft wird erhöht durch instabile Lebensumstände – von beruflicher Unsicherheit über unzureichenden Wohnraum bis zu gesundheitlichen Problemen.
Gründe für Schwangerschaftsabbrüche
Warum eine Schwangerschaft beendet wird, hängt auch mit dem Alter und den damit zusammenhängenden unterschiedlichen Lebensphasen zusammen.
Frauen bis 29 Jahren nennen vor allem partnerbezogene Gründe (40 %), berufliche Unsicherheit (37 %), sie schätzen sich selbst als zu jung oder zu unreif (34 %) ein und auch finanzielle Gründe (34 %) spielen eine Rolle. Bei den über Dreißigjährigen taucht auch die abgeschlossene Familienplanung als einer der drei häufigsten genannten Gründe auf (26 %).
Bei 26 Prozent der ausgetragenen Schwangerschaften wurde von Frauen in Sachsen eine persönliche Beratung durch eine Schwangerschaftsberatungsstelle in Anspruch genommen. Die Beratungsstellen werden häufiger aufgesucht, wenn eine Schwangerschaft ungewollt eingetreten ist. In Sachsen war es bei knapp der Hälfte (46 %) der ungewollten, ausgetragenen Schwangerschaften der Fall, dass eine Beratung genutzt wurde.
Verhütung
- Das Kondom ist die am häufigsten genutzte Verhütungsmethode
- Die finanzielle Situation und die Wahl des Verhütungsmittels hängen nur begrenzt zusammen
- Der Bedarf an Verhütung ist weitgehend, aber nicht vollständig gedeckt
- Kosten spielen beim Verzicht auf Verhütung eine Rolle
- Kostenfreiheit kann zu einer Entscheidung für eine sichere Verhütung führen
- Ein Drittel der Frauen hat die „Pille danach“ bereits genutzt
Nutzung der Verhütungsmethoden verändern sich
Das Kondom wird in Sachsen mit Abstand am häufigsten als Verhütungsmethode genutzt (49 %), gefolgt von der Pille (31 %) an zweiter und der Spirale (Kupfer- oder Hormonspirale) an dritter Stelle. Hier ist ein deutlicher Wandel zu sehen, denn 2012 nutzte fast jede zweite Frau die Pille als Verhütungsmethode. Parallel zum Rückgang hormoneller Methoden wächst die kritische Haltung: Mehr als sechs von zehn Frauen (63 %) stimmen der Aussage zu, dass die Pille negative Auswirkungen auf Körper und Psyche haben kann.
Mehr als jede vierte 20- bis 44-jährige Frau (27 %) verhütet derzeit gar nicht. Ein Großteil dieser Frauen begründet dies damit, dass aktuell keine sexuellen Kontakte zu Männern bestehen (38 %). Jedoch riskieren eine ungewollte Schwangerschaft auch 21 Prozent aus dieser Gruppe. Der „ungedeckte Verhütungsbedarf“ bezogen auf alle (verhütenden und nicht-verhütenden) Frauen ohne Kinderwunsch liegt bei sieben Prozent.
Verzicht auf Verhütung hängt auch mit Kosten zusammen
Finanzielle Hürden beeinflussen das Verhütungsverhalten spürbar. Jede achte Befragte in Sachsen (12 %) berichtet, schon einmal aus Kostengründen auf die Pille oder Spirale verzichtet zu haben. Befinden sich Frauen in schlechter finanzieller Lage und beziehen sie auch Sozialleistungen, so gibt dies jede fünfte an (19 %). Ein gleich großer Anteil von Frauen (19 %), die aus Kostengründen auf die Pille oder Spirale verzichtet haben, wurde mindestens einmal in einer solchen Phase schwanger.
Ein Drittel aller Frauen in Sachsen (33 %) würde ihre Methode wechseln, wenn Verhütung kostenlos wäre; bei Frauen in schwieriger finanzieller Lage würde dies knapp die Hälfte in Erwägung ziehen (47 %). Von den Frauen mit ungedecktem Verhütungsbedarf sagen 41 Prozent, dass sie bei Kostenfreiheit mit Verhütung beginnen würden.
„Pille danach“
Dreißig Prozent der 20- bis 44-jährigen Frauen in Sachsen hat in ihrem Leben bereits mindestens einmal die „Pille danach“ genommen. Dabei gaben 19 Prozent an, die „Pille danach“ einmal und 11 Prozent, sie mehrmals verwendet zu haben. Der Anteil an Frauen, die schon einmal die „Pille danach“ genutzt haben, ist bei hohem und höheren Bildungsstand signifikant höher als die Anteile bei niedrigem und mittlerem Bildungsstand. In der Befragung von 2012 waren es lediglich 10 Prozent der Befragten, die angaben, die „Pille danach“ schon einmal verwendet zu haben, sodass sich ein deutlicher Anstieg verzeichnen lässt.
53 Prozent der Befragten wissen, dass die „Pille danach“ rezeptfrei in der Apotheke erhältlich ist. 19 Prozent gehen irrtümlicherweise davon aus, dass sie ärztlich verschrieben werden müsse. Weitere 28 Prozent der Frauen geben an, über eine Verschreibungspflicht nicht Bescheid zu wissen.
Bilanz im Länder- und Zeitvergleich
- Familienplanung in Sachsen im Umbruch
- Demografische Entwicklungen tragen zur Veränderung bei
- Geburtenhäufigkeit schwankt in Sachsen besonders stark
- Einstellungswandel: Eigene Kinder sind zunehmend optional
- Enge Kopplung von Ökonomie und Familienplanung als mögliche Erklärung für starke Schwankungen der Geburtenrate in Sachsen
- Wandel der Verhütungspraxis
Umbruch in der Familienplanung
Die Familienplanung in Sachsen weist gegenüber der Erhebung in 2012 Kontinuitäten, aber vor allem auch Anzeichen für einen Wandel auf. Gleichbleibend häufig bevorzugen Frauen das Leben in Partnerschaften, ebenso hat sich am Anteil kinderloser Frauen wenig verändert. Veränderungen zeigen sich u. a. beim höheren Alter der Mütter bei der ersten Geburt und das Modell der Zwei-Kind-Familie findet sich häufiger – beides Angleichungen an gesamtdeutsche Familienplanungsmuster. Eine besonders markante Veränderung stellt der starke Geburtenrückgang in Sachsen dar. Gegenüber 2012 gibt es 2024 rund 10.000 Neugeborene weniger, es sind nurmehr 24.700 Neugeborene.
Verschiedene Gründe für Geburtenrückgang
Der Geburtenrückgang hängt zum einen mit der erheblichen Veränderung der demografischen Struktur in Sachsen zusammen, und zum anderen ist die durchschnittliche Zahl der Geburten je Frau stark zurückgegangen.
Bezogen auf die Demografie zeigt sich in Sachsen, dass die Zahl der Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren – und damit der potenziellen Mütter – in den zurückliegenden zehn Jahren stark rückläufig ist (Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, 2025b). Dies lässt sich unmittelbar auf den Einbruch der Geburtenzahlen in Sachsen in den 1990er-Jahren zurückführen. Unter den geänderten Lebensbedingungen nach der Wiedervereinigung erfolgte in Sachsen innerhalb kurzer Zeit eine Verschiebung des durchschnittlichen Alters bei erster Geburt auf spätere Zeitpunkte im Lebenslauf. Ebenfalls in der Folge des Wandels zogen viele junge Frauen und Männer aus Sachsen fort. Die in den 1990er-Jahren nicht Geborenen fehlen heute – eine Generation später – als Mütter und Väter.
Was die Geburtenziffer betrifft, so wies Sachsen zwischen 2008 und 2015 durchgehend die höchste Geburtenziffer aller Bundesländer in Deutschland auf (2016: 1,66 Kindern je Frau). In den folgenden Jahren war die Geburtenhäufigkeit jedoch kontinuierlich rückläufig, 2024 lag sie bei 1,22 – dies war der zweitniedrigste Wert aller Bundesländer.
Warum die Geburtenraten in Sachsen so stark schwanken bzw. rückläufig sind, bleibt erklärungsbedürftig. Die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind in diesem Bundesland erheblich besser als in anderen Bundesländern, was sich auch in den „frauen leben“-Daten spiegelt.
Einen möglichen Ansatz, um die starken Schwankungen der Geburtenrate in Sachsen einordnen zu können, bieten Beobachtungen aus Schweden (Bujard und Kreyenfeld, 2023): Gerade die selbstverständliche Erwerbsorientierung von Müttern und Vätern und die Etablierung im Arbeitsmarkt als Voraussetzung für eine Familiengründung führt zu einer stärkeren Kopplung von ökonomischer Situation und Familienplanung. Vor diesem Hintergrund könnten sowohl der überdurchschnittlich starke Anstieg der Geburtenhäufigkeit bis Mitte der 2010er-Jahre als auch das aktuelle Geburtentief in Sachsen stimmig eingeordnet werden.
Eigene Kinder sind zunehmend optional
Ein Lebensentwurf mit Kindern wird als zunehmend optional von den Frauen in Sachsen angesehen. Dies zeigt sich in ähnlicher Weise sowohl bei kinderlosen Frauen als auch bei Müttern. Unter den kinderlosen Frauen in Sachsen ist die Zustimmung zu der Aussage „Man kann auch ohne Kinder glücklich sein“ von 41 Prozent im Jahr 2012 auf 71 Prozent im Jahr 2024 gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Zustimmung zu der Aussage „Ich wollte schon immer Kinder“ von 63 Prozent auf 34 Prozent zurückgegangen. Diese Entwicklung findet sich nicht nur in Sachsen, sondern spiegelt sich in sämtlichen Erhebungen der „frauen leben“-Studienreihe wider. Ein weiterer Faktor spielt in diese Entwicklung hinein: Fast vier von zehn 25- bis 35-Jährige (38 %) haben in Sachsen inzwischen einen Hochschulabschluss, 2012 war es noch jede fünfte (20 %). Lebensentwürfe werden dadurch vielfältiger.
Die Einstellungen gegenüber hormoneller Verhütung verändern sich
Die Nutzung der Pille ist seit 2012 stark rückläufig, besonders bei jungen Frauen. Kritische Haltungen gegenüber hormoneller Verhütung nehmen zu und beeinflussen die Wahl der Methoden. Mit den aktuellen „frauen leben 4“-Daten kann gezeigt werden, dass eine Mehrheit von 63 Prozent der 20- bis 44-jährigen Frauen in Sachsen der Aussage, dass Verhütung mit der Pille negative Auswirkungen auf Körper und Seele hat, eher oder vollkommen zustimmt. Auch vier von zehn Frauen, die selbst aktuell mit der Pille verhüten (40 %), stimmen dieser Aussage eher oder vollkommen zu, was auf Unstimmigkeiten zwischen der Einstellung zu und der Anwendung von hormonellen Verhütungsmitteln hinweist.
Hintergrund und Ziel der Studie
Die repräsentative Studie frauen leben 4 – Familienplanung im Lebenslauf untersucht, wie Frauen zwischen 20 und 44 Jahren heute ihr Leben im Spannungsfeld von Kinderwunsch, Beruf, Partnerschaft und reproduktiver Gesundheit gestalten. Sie ist Teil einer bundesweiten Studienreihe, die 2024 in Baden-Württemberg, Berlin, Niedersachsen und Sachsen vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen Freiburg (SOFFI F) durchgeführt wurde.
Ziel der Studie ist es, Einstellungen, Erfahrungen und Entscheidungsprozesse rund um Familiengründung, Verhütung und Erwerbstätigkeit differenziert abzubilden – nicht nur im Querschnitt, sondern auch im Zeitvergleich mit früheren Erhebungen (frauen leben 3, 2012). Dabei wird Familienplanung nicht als linearer Planungsprozess verstanden, sondern als dynamischer Aushandlungsprozess, beeinflusst von Lebensphasen, gesellschaftlichen Bedingungen und persönlichen Umständen.
Die Studie kombiniert quantitative Befragungen (n = 1.773 Frauen in Sachsen) mit qualitativen Interviews und erlaubt so differenzierte Einblicke in reproduktive Lebensverläufe.
Literatur
Bujard, M., & Kreyenfeld, M. (2023). Kriegen die Deutschen bald weniger Kinder? In Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) (Hg.), Demografischer Wandel: Weiter und anders diskutiert (S. 12–16), Wiesbaden: BiB. https://www.bib.bund.de/Publikation/2023/Demographischer-Wandel-weiter-und-anders-diskutiert.html?nn=122188 [abgerufen am 04.03.2026]
Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen (2025b). Im Blickpunkt Bevölkerung: Geburtenentwicklung im Freistaat Sachsen. https://www.statistik.sachsen.de/html/im-blickpunkt.html [abgerufen am 04.03.2026]